Dienstag, 26.09.2017

Der Listenplatz gibt keine Garantie

Wahlprognosen: Viele Direktmandate bedeuten für die Kandidaten der großen Parteien eine Zitterpartie

(© me)
Aschaffenburg Montag, 28.08.2017 - 20:40 Uhr

Lah­mer Wahl­kampf? Al­les beim Al­ten? Stimmt. Und doch auch wie­der nicht - zu­min­dest nicht für je­ne Bun­des­tags­kan­di­da­ten, die nur über ih­ren Platz auf der Par­tei­lis­te auf ei­nen Ein­zug ins Par­la­ment rech­nen kön­nen.

Für die Bewerber von CDU, CSU und SPD ergibt sich da ein Problem: Denn - darauf deuten derzeit die Vorhersagen von Meinungsforschern hin - die FDP dürfte sich zurückmelden im Bundestag und die AfD erstmals den Einzug schaffen. Selbst bei leichten Zugewinnen der Union oder der Sozialdemokraten nehmen ihnen die Neuen im Parlament trotzdem Sitzplätze weg - und wenn, wie in Bayern die CSU, viele künftige Abgeordnete der großen Parteien das Direktmandat in ihren Wahlkreisen holen, bleibt kaum noch Platz für Listenkandidaten.
Platz 2 für Klein sollte reichen
Was der Wahlrechtsexperte Christian Brugger von der Internet-Plattform mandatsrechner.de am Wochenende zum Thema gemacht hat (siehe Ausgabe vom Montag - www.main-echo.de), bedeutet im Mainviereck zunächst einzig für den liberalen Aschaffenburger Wahlkreiskandidaten Karsten Klein eine Bestätigung: Klein ist die Nummer 2 der bayerischen Landesliste - und damit im nächsten Bundestag, wenn seine Partei die bundesweit geltende 5-Prozent-Hürde überspringt.
Momentan sehen Umfragen - wie das ZDF-Politbarometer - die FDP bei bundesweit etwa 8 Prozent. Das ist in etwa der Wert, den die Grünen 2013 erzielten - und der ihnen zu 63 Abgeordneten verhalf. Auch wenn die Liberalen in allen 16 Bundesländern antreten: Selbst bei einem Wahlergebnis von knapp über 5 Prozent erhält der Zweitplatzierte der bayerischen Landesliste sein Bundestagsmandat.
Spannung in Darmstadt
Spannend wird es im Wahlkreis Darmstadt - einem von insgesamt 22 in Hessen: Dort hatte 2013 die Sozialdemokratin (und aktuelle Wirtschaftsministerin) Brigitte Zypries das Direktmandat geholt, der Christdemokrat Charles M. Huber schaffte den Einzug ins Parlament über die CDU-Landesliste. Huber steht nach partei-internen Querelen nicht mehr zur Wahl, Zypries zieht sich aus der Bundespolitik zurück: Die beiden Neulinge - Christel Sprößler für die SPD und Astrid Mannes für die CDU - sind jeweils auf Platz 12 ihrer jeweiligen Landesliste platziert. 2013 zogen insgesamt 15 SPD- und 20 CDU-Abgeordnete aus Hessen nach Berlin: Bei beiden Gruppierungen die Direktmandate abgerechnet, bleiben wenige Listenkandidaten. Für den Wahlkreis Darmstadt bedeutet das also diesmal aller Voraussicht nach einen Bundestagsabgeordneten weniger - wobei vor dem 24. September offen bleibt, ob der Verlust CDU oder SPD betrifft.
In Bayern mit seinen 46 Wahlkreisen holten 45 christsoziale Kandidaten 2013 das Direktmandat. Elf weitere kamen über die Liste nach Berlin. Der Bewerber für den Wahlkreis Main-Spessart/Miltenberg, Alexander Hoffmann, ist auf der aktuellen CSU-Liste gar nicht vertreten: Seine Wiederwahl gilt partei-intern als vollkommen sicher. Was seinen erneuten SPD-Herausforderer Bernd Rützel nicht entmutigen dürfte: Derzeit zählt die bayerische SPD-Landesgruppe in Berlin 22 Mitglieder, Rützel ist auf der Liste auf Platz 7 gesetzt. Selbst bei einem verheerenden Wahlergebnis seiner Bundespartei sollte Rützel wieder im Bundestag sitzen.
Gerig kommt ohne Liste aus
Ähnlich wie bei Hoffmann ist die Situation für Alois Gerig im Wahlkreis Odenwald-Tauber, einem von 38 in Baden-Württemberg. Der Abgeordnete steht ebenfalls nicht auf der Landesliste seiner Partei: Bei einem Wahlergebnis von 59,12 Prozent gegen acht Mitbewerber vor vier Jahren verständlich. Gerigs SPD-Kontrahentin Dorothee Schlegel könnte sich eher sorgen: Sie steht auf Platz 21 ihrer Landesliste - derzeit zählt die baden-württembergische Landesgruppe im Bundestag 20 Mitglieder. Und wenn Wahlrechtsexperte Brugger Recht hat, ist es nach dem 24. September vorbei mit Dorothee Schlegels Bundestagskarriere.
Aber letztlich liegt in der Wahl auch die Chance für Schlegel und all die anderen Direkt- und Listenkandidaten in dieser Republik: Denn die Entscheidung fällt noch immer der Wähler - und nicht ein Experte oder Meinungsforscher.
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dVideo und Vorstellung der Kandidaten: www.main-echo.de btw2017
Stefan Reis

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