Sonntag, 02.08.2015

Ein Datum für die Ewigkeit

12.12.12: Heute ist das Aschaffenburger Standesamt ausgebucht - Vor hundert Jahren heiratete ein ungewöhnliches Paar

12.12.12 Mittwoch, 12.12.2012 - 00:00 Uhr

Jahr­zehn­te­lang hat die Post­kar­te in ei­ner Kis­te im Haus des Aschaf­fen­bur­gers Ger­hard Reu­sing ge­schlum­mert. »12.12.12 - will man sch­rei­ben wie­der sol­che Kar­ten, muss man 100 Jah­re war­ten«, steht auf dem Kärt­chen von 1912. Es be­legt, dass das heu­ti­ge Schnaps­zahl-Da­tum die Men­schen schon 1912 fas­zi­nier­te - auch in Aschaf­fen­burg, denn dort wur­de die Kar­te ges­tem­pelt.

Vater Sebastian, aus dessen Nachlass der postalische Gruß stammt, »hat mir immer gesagt, dass ich gut auf sie aufpassen soll, weil ich das mal erleben werde«, sagt Gerhard Reusing. Daran erinnerte er sich vor ein paar Wochen und suchte die Karte heraus. Wer sie wem geschickt hat, wird wohl ein Rätsel bleiben. Sie enthält keinen Gruß, und Reusing hat darüber nichts von seinem Vater erfahren.
Hochzeits-Hype
In der Gegenwart scheinen die Schnapsdaten vor allem Heiratswillige zu faszinieren. »Mindestens dreimal so viel Hochzeiten« wie an üblichen Dezembermittwochen werden heute deutschlandweit geschlossen, meldete die Deutsche Presseagentur.
Auch das Aschaffenburger Standesamt ist heute ausgebucht: Ab 9.30 Uhr wird im 30-Minuten-Takt geheiratet, sagt der Standesbeamte Manfred Horn. Zwölf Trauungen sind bis zum Nachmittag angesetzt. An einem normalen Mittwoch sind es laut Horn eine bis zwei, die besten Tage sind sonst die Sommersamstage, an denen sechs Hochzeiten normal sind.
Vor 100 Jahren, am 12.12.1912 gab es in und um Aschaffenburg herum nur eine Hochzeit: Damals vermählten sich der 26-jährige Müllknecht Johann Bangert und die elf Jahre ältere Witwe Eva Schweigert, von Beruf Zigarrenmacherin. Bangert kam aus dem Lohrer Stadtteil Sendelbach, Schweigert war in Mannheim geboren worden.
Die Trauzeugen: Der Schutzmann Josef Höfer und der Tagelöhner Peter Schwab. Die ungewöhnliche Ehe, in die die Braut fünf Kinder mitbrachte (das sechste kam einen Monat nach der Hochzeit) stand unter keinem guten Stern. Ehemann Johann Bangert starb schon im April 1917, vermutlich im Krieg. Eva Schweigert heiratete 1919 erneut und lebte noch bis 1951. Zum Zeitpunkt der Hochzeit wohnte Johann Bangert übrigens im Aschaffenburger Schwalbenrainweg, Hausnummer 18. Wenige Meter daneben wohnt heute Gerhard Reusing, der Mann mit der historischen Postkarte.
Nur ein Kaiserschnitt geplant
Der Trend des Heiratens am Schnapszahl-Datum ist inzwischen in Aschaffenburg angekommen, ein anderer aber (noch?) nicht. Nach dem 11.11.11 schrieben die Medien vom Wunsch zahlreicher Paare, einen Kaiserschnitt so zu terminieren, dass das Kind die Schnapszahl als Geburtsdatum bekommt. Viktoria Beckham soll 2002 den Geburtstermin von Kind Romeo so gelegt haben, dass Papa David kein Fußballspiel verpasst.
In der Aschaffenburger Frauenklinik am Ziegelberg war bis gestern jedenfalls noch kein Kaiserschnitt für den 12.12. geplant. Und überhaupt: »Die Entbindungen laufen bei uns allein nach medizinischen Gesichtspunkten«, sagt Klinik-Chef Michael Halbach. »Käme jemand mit einem solchen Wunsch, würden wir das natürlich nicht machen.«
Im Klinikum Aschaffenburg wird es heute voraussichtlich eine Kaiserschnitt-Geburt geben. Ob Wunsch- oder Zufallstermin, wollte das Klinikum mit Hinweis auf die Privatsphäre der Eltern nicht sagen.
1912 wäre ein freiwilliger Kaiserschnitt noch undenkbar gewesen. Damals gab es noch keine etablierte Technik für einen solchen Engriff, erklärt Medizinhistoriker Daniel Schäfer von der Uni Köln. Ein Kaiserschnitt kam nur bei Hoch-Risikogeburten in Frage.
Manuel Barbosa

Ort des Artikels

Aschaffenburg

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