Dienstag, 07.07.2015

Forschungsstätte für Hitlers "Todesstrahlen"

Route der Industriekultur Führung im Ringheimer Bunker am Wochenende - Ein Kapitel des Zweiten Weltkriegs

Grossostheim-Ringheim
Mittwoch, 19. 08. 2009 - 00:00 Uhr

Ein Überbleibsel aus dem Zweiten Weltkrieg kann an diesem Wochenende im heutigen Ringheim als Teil der Route der Industriekultur besichtigt werden: der Bunker der einstigen Luftwaffenforschungsstelle, der 2007 zur Gedenkstätte ausgebaut worden war

Er dokumentiert das Bemühen der Nationalsozialisten, moderne Waffen zu entwickeln, nachdem sich abzeichnete, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war. Geforscht wurde dort indes nie.

Geheime Entwicklungen Der Ringheimer Bunker gilt als Beispiel für die Bemühungen des NS-Regimes, geheime Entwicklungen ins Landesinnere, weit weg von den Fronten, zu verlagern. Jede Idee - und war sie noch so abstrus - wurde finanziell großzügig unterstützt. Sie musste nur kriegswichtig sein. Das wurde von einigen Wissenschaftlern ausgenutzt, um an Forschungsgelder für ihr Institut zu kommen. Das war auch bei der Luftwaffenforschungsstelle auf dem Großostheimer Fliegerhorst auf dem Gelände des heutigen Ringheims nicht anders. Der Physiker Pedro Waloschek, der jahrelang am Hamburger Beschleuniger DESY in der Teilchenphysik forschte, hat dies in seinem Buch "Todesstrahlen als Lebensretter" dokumentiert.

Von dem einstigen Gebäudekomplex in Ringheim blieb nur noch ein Bunker übrig, der 2007 zu einer Gedenkstätte ausgebaut wurde und nun auf der Route der Industriekultur am Wochenende ebenso wie der Verkehrslandeplatz besichtigt werden kann. In Großostheim war während des Krieges auch mit dem Bau einer Start- und Landebahn für den Messerschmitt-Düsenjäger "Me 262" begonnen worden.

Der Leipziger Professor Ernst Schiebold benötigte für seine "Röntgenkanonen", deren Strahlen Flugzeugmotoren außer Funktion setzen sollten, Unterstützung vom Reichsluftfahrtministerium. Ende 1943 wurde mit dem Bau einer 12,3 Meter hohen und 17,5 mal 24 Meter breiten Holzhalle begonnen. Sie musste so hoch sein, um Hochspannungsüberschläge zu vermeiden, denn es sollte dort ein 15 Millionen Volt Strahlentransformator - ein Betatron - nach der Bauart des norwegischen Physikers Rolf Wideröe installiert werden.

Unter und neben der Halle entstanden abgeschirmte Bunker zum Schutz der Instrumente und des Personals. In ein tiefes Loch in der Mitte sollte der Elektronenstrahl gerichtet werden.

Nachdem Bomben Schiebolds Institut am 4. Dezember 1943 fast völlig zerstört hatten, verlegte er es nach Großostheim. Mittlerweile hatte in Berlin beim Reichsluftfahrtministerium ein Kuratorium "Luftwaffenforschungsstelle Großostheim" getagt. Es hielt die Vorstellung von Schiebold für nicht realisierbar.

Am 20. September 1944 zog sich Schiebold vom Projekt "Röntgenkanonen" zurück, weil er genügend andere interessante Forschungsaufträge hatte. Die Forschungsstelle, in der nie geforscht worden war, gab es nicht mehr. Auf dem Fliegerhorst wurden wieder Flugzeuge stationiert, denn die Invasion war in vollem Gang. Schiebolds wissenschaftliche Mitarbeiter, darunter auch Menschen mit jüdischer Verwandtschaft, überlebten. So retteten die "Todesstrahlen" Menschenleben.

Physiker von Nazis erpresst Der norwegische Physiker Rolf Wideröe hatte seine Ideen für den Bau eines Betatrons den Nationalsozialisten zur Verfügung gestellt, um seinen Bruder Viggo aus dem Konzentrationslager zu retten. Das Versprechen hielten die Nazis nicht. Viggo wurde erst im März 1945 in der Nähe von Darmstadt von US-Truppen befreit. Wideröe galt nach dem Krieg in Norwegen als "Quisling", weil er mit den Deutschen gemeinsame Sache gemacht hatte.

Demnächst wollen die beiden Heimatforscher Peter Hepp und Klaus Sauerwein eine umfassende Dokumentation zum "Fliegerhorst Großostheim" vorlegen. Bernd Hilla

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