Freitag, 04.09.2015

Selbstvertrauen mit der Petö-Therapie

Aufruf: Corinna Manke will für ihre behinderten Kinder eine spezielle Förderklasse einrichten und sucht Mitstreiter

Alzenau Dienstag, 20.12.2011 - 22:00 Uhr

Auf­merk­sam be­trach­tet Ami­na das Puzz­le­spiel auf den Tisch. Ihr Blick schweift von dem klei­nen Stück Holz in ih­rer Hand zu dem Aus­schnitt, in den es passt. Im Hin­ter­grund ist ihr Bru­der Finn mit Spie­len be­schäf­tigt. Die sie­ben­jäh­ri­gen Zwil­lin­ge sind für ihr Al­ter sehr brav - kein To­ben und Ru­fen ist zu hö­ren.

Bei ihnen geht alles ein bisschen langsamer. Finn und Amina Manke leiden seit ihrer Geburt an der sogenannten infantilen Cerebralparese: Bewegungsstörungen, deren Ursache in einer frühkindlichen Hirnschädigung liegt. Entwicklungsstörungen, Spasmus, motorische oder geistige Defizite sind die Folgen.
Dass die beiden sich so konzentriert beschäftigen können, haben sie der sogenannten konduktiven Förderung nach Petö zu verdanken. Die machen Amina und Finn in einem speziellen Kindergarten in Niederpöcking am Starnberger See. Aus Ungarn stammt die Therapieform, die aus einer Kombination aus Logopädie und Ergotherapie besteht und von speziell ausgebildeten Fachkräften, sogenannten »Konduktoren«, durchgeführt wird. Die Petö-Therapie ist ganz auf Kinder mit neurologischen Beeinträchtigungen ausgerichtet.
Von Alzenau nach Niederpöcking
Im nächsten Jahr sollen die beiden in die Schule kommen - und das möchte ihnen ihre Mutter, Corinna Manke, in ihrer unterfränkischen Heimat ermöglichen. Dafür sucht sie Gleichgesinnte. Die Mankes wohnen in Alzenau - eigentlich. Seit die Zwillinge die Therapie machen, lebt ihre Mutter mit ihnen am Starnberger See, der Vater blieb der Arbeit wegen in der Heimat. »Das ist natürlich kein Dauerzustand«, sagt Corinna Manke. Eine integrative Schulklasse in Aschaffenburg einzurichten, die mit der Petö-Methode arbeitet, wäre ihr größter Wunsch.
Die Zwillinge Amina und Finn wurden im August 2004 geboren - scheinbar gesund. Aber als die beiden vier Wochen alt waren, fiel Corinna Manke auf, dass etwas nicht stimmte: Amina zeigte erste Symptome in Form von Zuckungen. Ein anschließendes EEG zeigte dann deutlich, dass es sich um epileptische Anfälle handelte. Mit neun Wochen hat sie dann zum ersten Mal Medikamente bekommen. In diesem Alter zeigten sich auch bei Finn die ersten Symptome. »Er wurde wegen eines Leistenbruchs operiert, danach ging es los«, erinnert sich Corinna Manke. Von der Kortison-Pulstherapie bis zur Krankengymnastik haben die Eltern seither alle möglichen Therapien versucht, aber nichts hat die Entwicklung von Finn und Amina vorangebracht.
Dann wurden die Eltern auf den Verein »Fortschritt« in Niederpöcking am Starnberger See aufmerksam. Der Verein, der aus einer Elterninitiative heraus entstand, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Petö-Methode bei Betroffenen, Therapeuten und Ärzten bekannt zu machen, sie im Gesundheitssystem zu etablieren sowie die Kostenübernahme durch die öffentlichen Kostenträger zu sichern. Zudem soll ein flächendeckendes Netz von Petö-Zentren institutionalisiert werden. Die Mankes meldeten ihre Kinder im hiesigen Kindergarten für zwei Förderwochen an - das war Ostern 2010. Wichtig ist vor allem das Bewegungsprogramm für die Kinder, die nicht laufen können. »Das Kind geht zum Beispiel vom Liegen in den Vierfüßerstand und steht dann auf«, sagt Corinna Manke. Nachmittags gibt es dann ein Individualprogramm, zum Beispiel zur Verbesserung der Handmotorik.
Mit einfachen Hilfsmitteln
Durchgeführt werden die Übungen mit einfachen Hilfsmitteln: Zum Laufen lernen halten sich die Kinder an Stühlen fest und schieben sie vor sich her. Dabei steht im Mittelpunkt: Was kann man aus dem Kind herausholen, was kann man mit dem vorhandenen Potenzial tun? Die Therapie ist eine Gruppentherapie, die gegenseitige Motivation ist immens wichtig. Die Kinder lernen gegenseitig voneinander. Nach erfolgreichen zwei »Test-Wochen« stand fest, dass Corinna Manke mit ihren Kindern an den Starnberger See zieht. Die Kinder sind dort regelrecht aufgeblüht: Amina und Finn haben wieder Selbstvertrauen bekommen und Fortschritte gemacht. »Amina kann nun schon mit einem Dreipunkt-Stock gehen«, sagt Corinna Manke. Mittlerweile ist die Mutter schon im zweiten Jahr mit den Kindern dort. 2012 sollen die beiden eingeschult werden - am liebsten wäre Corinna Manke eine Schule, die mit der Petö-Methode arbeitet.
Musterbeispiel Rohrdorf
So wie in Rohrdorf am Inn: Dort findet man ein in Deutschland einzigartiges Schulmodell. An der Grundschule werden Kinder mit körperlicher und/oder geistiger Behinderung nach Petö gefördert und soweit wie möglich in den Schulalltag inkludiert. Diese Methode wirkt sich auch positiv auf die »normalen« Schulkinder aus. »Die Petö-Klasse ist in eine normale Schule integriert. Kunst- oder Musikunterricht findet zum Beispiel gemeinsam statt«, weiß Corinna Manke. Oder die Kinder lesen einander vor und helfen den behinderten Kindern. Dabei lernen sie einen natürlichen Umgang mit behinderten Menschen.
In der Schule gibt es einen offiziellen Lehrer und einen Konduktor. Diese Kombination ist laut Corinna Manke dringend notwendig. Die Grundschullehrerin weiß: Lehrer haben haben keine ausreichende Ausbildung, und eine Sonderschul-Pädagogen-Begleitung ist zu wenig.
Die Idee steht - nun hofft Corinna Manke, eine solche Klasse nach dem Förderprinzip Petö in ihrer Nähe einzurichten. Die Mutter sucht Eltern, die ebenso denken und gemeinsam Ideen entwickeln wollen. Interessierte Mütter und Väter, die ihre Kinder nach Petö fördern lassen wollen, können sich bei Corinna Manke unter Tel. 0176/49 54 21 34 oder corinna.manke@gmx.net unverbindlich informieren. Miriam Schnurr

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