Donnerstag, 02.07.2015

Zwei Mädchen ins Auto gelockt - Mann bleibt frei

Alptraum Facebook - Behörden warnen vor Gefahren im Netz
Freitag, 08. 02. 2013 - 00:00 Uhr

Der Fall sorgt für Dis­kus­sio­nen: Ein Mann aus dem Kreis Mil­ten­berg kon­tak­tiert un­ter fal­schem Na­men auf Fa­ce­book zwei Mäd­chen und ge­winnt mit Lü­gen­ge­schich­ten ihr Ver­trau­en. Am En­de lockt er sie bei Aschaf­fen­burg in sein Au­to und fährt mit den elf und zwölf Jah­re al­ten Kin­dern bis Klin­gen­berg, wo ihn die Po­li­zei vor­läu­fig fest­nimmt.

Unsere Zeitung hat Details recherchiert und die Staatsanwaltschaft gefragt, warum der 21-Jährige frei bleibt.
»Natürlich denkt man zuerst an ein Sexualdelikt«, sagt der Leitende Oberstaatsanwalt in Aschaffenburg, Lothar Schmitt. »Aber nicht jedes Handeln, auch moralisch verwerfliches, erfüllt einen Straftatbestand.« Der Jurist hält sich zurück mit Angaben zum Ermittlungsstand, die zu einer Vorverurteilung des 21-Jährigen führen könnten und sagt ganz allgemein: »Auch Sexualvorstellungen, die nicht der Norm entsprechen, sind nicht zwangsweise strafbar.«
Keinerlei sexuelle Handlungen
Im konkreten Fall sei zudem nach dem Stand der Ermittlungen festzuhalten: »Es hat keinerlei sexuelle Handlungen mit oder vor Kindern gegeben.« Man befinde sich, wenn überhaupt, in einem sehr weiten »Vorfeld« solcher Handlungen. Unter anderem dies werde weiterhin akribisch geprüft. Die bei dem Mann sofort nach seiner Festnahme beschlagnahmten Computerdateien werte man weiter aus.
Wie mehrfach berichtet, hatte der Mann die beiden Freundinnen, die bei Aschaffenburg wohnen, und nach eigenen Angaben auch andere im Internet kontaktierte Kindern um Fotos gebeten (siehe »Hintergrund«). Nach Recherchen unserer Zeitung befinden sich tatsächlich viele Fotos, von wem auch immer, auf dem Rechner des 21-Jährigen. Leitender Oberstaatsanwalt Schmitt will dazu nur so viel sagen: Weder Kinder noch der Mann selbst hätten sich mit irgendwie erkennbarem sexuellen Hintergrund entkleidet.
Ein Elternteil wusste Bescheid
Bleibt die Frage, wie es zu bewerten ist, dass der Mann die Mädchen täuschte und mit ihnen immerhin von deren Wohnort bis in den rund 40 Kilometer entfernten Klingenberger Ortsteil Trennfurt fuhr. Man prüfe den Straftatbestand der »Entziehung Minderjähriger«, sagt der Staatsanwalt.
Dieses Delikt kann mit einer Geld- oder einer Freiheitsstrafe geahndet werden. Allein: Ein Elternteil der Zwölfjährigen wusste von Anfang an von dem (gar nicht existierenden) Gewinnspiel, für das der angebliche Fotograf Fotos von seiner Tochter und deren Freundin schießen wollte - und ließ die beiden sogar in das Auto des Mannes einsteigen.
In diesem Zusammenhang erklärt das Landratsamt Aschaffenburg: Das Jugendamt werde wohl die Familie, die im Kreis wohnt, besuchen. Es zeichne sich ab, dass es dabei weniger um eine etwaige Verletzung der Sorgepflicht gehe, sondern vor allem um eine Beratung. »Wir gehen davon aus, dass wir offene Türen einrennen«, sagt Landratsamt-Sprecher Horst Bauer und spricht von einer »Dummheit«, die da wohl jemandem unterlaufen sei.
Beratung braucht möglicherweise auch der 21-jährige Hauptdarsteller des Falls: Das zuständige Landratsamt Miltenberg erklärt auf Nachfrage, jenseits der »originären Zuständigkeit« von Polizei und Staatsanwaltschaft werde man nach Eingang der Unterlagen alle Möglichkeiten überprüfen. Die Palette reiche von Aufklärung über Hilfsmaßnahmen wie Therapien bis hin zur Überprüfung der Gefahr, die vielleicht von dem Mann ausgehen könnte, so Sprecher Gerhard Rüth gestern.
Dies könnte im Extremfall bis zu einer sogenannten Unterbringung führen, zum Beispiel zu einer Zwangseinweisung in die Psychiatrie. Das wiederum scheint aus heutiger Sicht unwahrscheinlich, die Hürden für einen Freiheitsentzug sind hoch.
Das gilt für vorbeugend arbeitende Behörden wie für Strafverfolger: Die Polizei - die nach eigenen Angaben mit dem Fall zur eindringlichen Warnung vor Gefahren in sozialen Netzwerken an die Öffentlichkeit ging - konnte mit dem 21-Jährigen lediglich ein vorbeugendes Gespräch führen. Und Leitender Oberstaatsanwalt Schmitt erklärt, für eine Inhaftierung lägen keine Voraussetzungen vor. Weder bestehe dringender Tatverdacht (hier braucht es ja eine strafbare Handlung) noch liege ein Haftgrund vor (der Mann ist nicht flüchtig, er hat einen festen Wohnsitz und Arbeit, seine Angaben decken sich mit den Ermittlungen).
Falsche Freunde
»Wie auch immer es ausgeht«, fügt der Chefankläger am bayerischen Untermain hinzu: »Wir müssen die Eltern warnen. Kinder geben im Internet viel zu viel von sich preis. Das nutzen Täter ganz massiv aus. Wir kennen Fälle, in denen sich junge Mädchen entblößen und falschen Freunden die Fotos schicken.« Jens Raab

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