Donnerstag, 30.07.2015

Lehrer sitzt fünf Jahre unschuldig im Gefängnis

Wegen Vergewaltigung Dienstag, 05.07.2011 - 17:57 Uhr

Fünf Jahre hat er wegen Vergewaltigung seiner Kollegin im Gefängnis gesessen, fünf Jahre hat er seine Unschuld beteuert. Jetzt hat das Kasseler Landgericht den Lehrer Horst A. rehabilitiert. Das vermeintliche Opfer habe »die Geschichte von vorn bis hinten erfunden«, ist das Gericht überzeugt. Und offenbar war es nicht die einzige Lüge der Kollegin.

Fünf Jahre unschuldig im Gefängnis: Der Lehrer Horst A. ist vor dem Kasseler Landgericht vom Vorwurf freigesprochen worden, im Jahr 2002 seine damals 36 Jahre alte Kollegin an der Georg-August-Zinn-Schule in Reichelsheim (Odenwaldkreis) vergewaltigt zu haben. Die vermeintliche Vergewaltigung soll nach Angaben des Online-Dienstes "Echo-Online" vom Darmstädter Echo, 2001 in der Schule während einer Pause in den Biologieräumen geschehen sein.

»Den Angeklagten sehen wir nachweislich als unschuldig an«, sagte der Vorsitzende Richter Jürgen Dreyer am Dienstag. »Es ist davon auszugehen, dass die Zeugin gelogen und die Geschichte von vorn bis hinten erfunden hat.« Sie sei in der Lage, »die aberwitzigsten Geschichten zu erfinden«, so Dreyer weiter. In seiner Urteilsbegründung sagte er, das vermeintliche Opfer habe ein »an sich kaum glaubhaftes Geschehen geschildert«.

Die Hölle: Der Mann – "unbeliebt, weil Alkoholiker und aggressiv" (dpa) – war 2002 vom Landgericht Darmstadt verurteilt worden und hatte danach seine fünfjährige Haftstrafe vollständig verbüßt. Der Biologielehrer hatte jedoch immer seine Unschuld beteuert und war deshalb auch nicht vorzeitig aus der Haft entlassen worden. Auch nach der Entlassung habe er weiter als Vergewaltiger gegolten. »Die letzten zehn Jahre waren die Hölle«, sagte der Angeklagte in seinem Schlusswort.

Der Prozess war neu aufgerollt worden, weil der Verteidiger von Horst A., Hartmut Lierow, immer wieder neue Beweise für die Unschuld seinen Mandanten suchte - und fand. Denn das vermeintliche Opfer log – immer wieder.

Immer wieder gelogen: So habe die Frau nach der vermeintlichen Tat zum Beispiel eine Tochter erfunden – oder behauptet, ihr Freund, ein Polizist, sei angeschossen worden, liege schwer verletzt im Koma und müsse von ihr betreut werden. »Sie setzte Lügen gezielt ein, um berufliche Vorteile zu erzielen«, heißt es am Dienstag vor Gericht. Ein mögliches Motiv für den Vergewaltigungsvorwurf könnte gewesen sein, dass die Frau – ebenfalls Biologielehrerin – an die Stelle ihres Kollegen kommen wollte. Zudem gab es viele Ungereimtheiten in den Aussagen der Frau. Im neuen Prozess hatte sie die Aussage verweigert.

Laut "Echo-Online" hatte die Lehrerin auch im Jahr 2007 an der Lichtenberg-Schule in Ober-Ramstadt für Schlagzeilen gesorgt. Damals hatten sie und eine Kollegin andere Pädagogen der Schule beschuldigt, "einen Giftanschlag auf sie verübt zu haben". "Echo-Online" berichtet zudem von Aussagen des Anwalts des zu Unrecht verurteilten Lehrers. Demnach "hatte die Frau auch an anderen Schulen Kollegen wegen angeblicher sexueller Verfehlungen verdächtigt".

Die Anwältin des vermeintlichen Opfers hatte gefordert, das Darmstädter Urteil aufrecht zu erhalten, und prüft nun eine Revision. »Das Urteil ist ein Schlag ins Gesicht jeder vergewaltigten Frau«, sagte Susanne Renner. Gegen ihre Mandantin ermittelt inzwischen die Staatsanwaltschaft Darmstadt wegen Freiheitsberaubung.

Ohrfeige für Kammer des Landgerichts Darmstadt: Horst A. zeigte sich nach dem Spruch zufrieden. Er habe »zehn schreckliche Jahre« hinter sich. »Ich hoffe, dass Normalität eintritt.« Der 52-Jährige kündigte an, »Fragen an das Land Hessen« zu stellen, wenn das Urteil rechtskräftig ist. Dabei könnte es um eine Entschädigung gehen. Sein Verteidiger Lierow betonte: »Eine größere Ohrfeige als diese für die Kammer des Landgerichts Darmstadt hat es in Deutschland noch nicht gegeben.« Sein Mandant sei nicht aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden, sondern wegen erwiesener Unschuld.

Der Kasseler Richter Jürgen Dreyer machte deutlich, wie ein Gericht vorzugehen hat: »Die Aussage der Belastungszeugin gilt so lange als falsch, bis diese These nicht mehr zu halten ist.« Im Fall von Horst A. habe das Landgericht Darmstadt 2002 grob gegen dieses Vorgehen verstoßen. »Das geht so nicht«, kritisierte der Vorsitzende Richter.

Neben der Verteidigung hatte auch die Staatsanwaltschaft in dem neuen Verfahren einen Freispruch für den Mann gefordert. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

mai (Quellen: dpa/Echo-Online)

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