Dienstag, 28.07.2015

Der Weg zum Arzt wird länger

Sulzbacher simuliert künftige Entwicklung auf dem Land Samstag, 09.02.2013 - 00:00 Uhr

Me­di­zin­stu­den­ten gibt es zwar ge­nug. Doch nur we­ni­ge jun­ge Men­schen möch­ten Lan­d­arzt wer­den. Das könn­te in na­her Zu­kunft dra­ma­ti­sche Kon­se­qu­en­zen ha­ben. Wie bri­s­ant das The­ma ist, zeigt der aus Sulz­bach stam­men­de, an der Uni­ver­si­tät Würz­burg tä­ti­ge So­zial­geo­graf Chris­ti­an Neff in sei­ner Dok­tor­ar­beit.

Rapider Wandel
Mit Hilfe eines sogenannten Multiagentensystems beleuchtet er die Problematik, dass sich die medizinische Versorgungssituation im ländlichen Raum aufgrund verschiedener Faktoren augenblicklich rapide wandelt. Dies gilt auch für den Kreis Schweinfurt, wo derzeit rund 50 Hausärzte tätig sind. Die Arbeitsbelastung derjenigen, die in zehn Jahren noch praktizieren werden oder deren Nachfolger dann tätig sein wird, steigt nach Neffs Berechnungen möglicherweise um fast 40 Prozent.
Neff geht in seinem Modell davon aus, dass das Interesse junger Ärzte weiterhin lau bleiben wird, auf dem Land tätig zu sein. Dass dem aktuell so ist, bestätigten Hausärzte aus dem Kreis Schweinfurt im Vorfeld von Neffs Projekt bei einer Befragung unter Leitung von Neffs Doktorvater Professor Jürgen Rauh. »20 Prozent der Arztpraxen sind demnach in den kommenden zehn Jahren von Schließung bedroht«, so Neff. Er selbst befragte über 500 Erwachsene, wie lange sie derzeit brauchen, um einen Hausarzt aufzusuchen, und nach welchen Kriterien sie ihren Arzt wählen. Die gewonnenen Daten flossen in die Computersimulation zur künftigen Versorgungssituation ein.
Abhilfe durch Medizintechnik?
Nicht in dem Modell berücksichtigt sind Erfolge der Medizintechnik. »Das war in der vorhandenen Zeit nicht zu schaffen«, so der 30 Jahre alte Sozialgeograf. Natürlich könnte es sein, dass in Zukunft mehr Menschen, etwa mit der Diagnose Diabetes, fernüberwacht werden. Sollte dies nicht geschehen und sollte es in den kommenden Jahren auch nicht zur Errichtung neuer medizinischer Versorgungszentren auf dem Land kommen, wird das Pensum, das Hausärzte zu bewältigen haben, deutlich zunehmen. Neff: »Nach meiner Simulation steigt die Inanspruchnahme medizinischer Leistungen im Kreis Schweinfurt 2016 um zehn und 2021 um 38 Prozent gegenüber heute.«
Dass die wichtigste Ressource des Gesundheitswesens, nämlich das ärztliche Personal, knapp zu werden droht, ist brisant, obwohl wegen des demografischen Wandels bald weniger Menschen im ländlichen Raum leben werden. »So paradox es klingt, doch Landärzte bekommen dennoch immer mehr zu tun«, so Neff. Die Menschen würden zwar weniger, gleichzeitig aber älter und damit kränker: »Was die Behandlungsfälle ansteigen lässt.« Für die Patienten bedeutet dies, wie Neff mit seinem Multiagentensystem herausfand, dass sie längere Wege zum Arzt ihres Vertrauens zurücklegen müssen: »Die Wegezeiten steigen bis 2016 um drei und bis 2021 um 16 Prozent.«
Rund um die Uhr erreichbar
Praktisch rund um die Uhr für Patienten erreichbar sein zu müssen, das macht den Landarztberuf so unattraktiv. Die Politik hat dies erkannt und bemüht sich, Anreize zu setzen. So werden Studierende, die sich verpflichten, nach Abschluss ihrer Ausbildung fünf Jahre auf dem Land ärztlich tätig zu sein, neuerdings speziell gefördert. Rauh: »Der Worst-Case aus der Simulation unseres Doktoranden Christian Neff muss also nicht eintreten.« Im Gegenteil, alles sollte getan werden, um eine so gravierende Entwicklung zu verhindern. Wünschenswert wäre es für die Wissenschaftler deshalb, wenn sich Politiker und Vertreter der Ärztekammer für die Simulation interessieren würden. > Seite 1 Pat Christ

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