Dienstag, 04.08.2015

Sie kamen, schnitten und siegten

Honischer Frauen auf der Jagd nach dem besten Stück des Mannes - auch ohne Prinzenpaar

Altweiberfastnacht in Niedernberg Freitag, 08.02.2013 - 00:00 Uhr

Don­ners­tag, kurz vor 11 Uhr: Am Dorf­platz in Nie­dern­berg ist es ru­hig - zu ru­hig. Ein Blick auf den Ka­len­der; stim­men Ort und Zeit? Al­le Zwei­fel zer­st­reu­en sich, als ei­ne Grup­pe be­hü­te­ter Da­men, mit vo­lu­mi­nö­sen Pelz­män­teln be­k­lei­det, auf die Haupt­stra­ße ein­biegt.


Bilderserie vom Weiberfasching: Ralf Hettler

Eingehakt schlendern die rund 30 Honischer Frauen in Richtung Rathaus, rufen jedem Passanten ein freudiges »Helau« zu und ziehen geduldig die klappernde Scheese - einen kleinen Transportwagen - mit reichlich Sprudelwasser der alkoholischen Art die Straße entlang.
Regenfeucht statt winterlich
Seit 1995 feiern die Frauen in Niedernberg ihren Altweiberfasching, wie Organisatorin Monika Jung erzählt. Auch in diesem Jahr hieß es wieder: »Egal ob Rathaus oder Bank - Männer lasst den Schlips im Schrank!« Das Wetter zeigte sich dabei nicht gerade von der besten Seite. »Wir sind schon bei meterhohem Schnee und Sonnenschein zum Rathaus gelaufen, aber Regen hatten wir noch nie«, meinte Jung.
Gut, dass die achtköpfige Kapelle der Honisch Tiger, die sich am Rathaus aufgestellt hatte und tapfer gegen die widrigen Wetterbedingungen anspielte, nahezu alle Lieder auswendig konnte. Denn Regentropfen sind bekanntermaßen nass, und so befanden sich die Notenblätter bereits nach wenigen Minuten am Rande der Selbstauflösung.
Die Honischer Weiber schien das feuchte Nass nicht zu stören. Mit Regenschirmen bewaffnet, zählten sie die letzten Sekunden bis 11.11 Uhr herunter. Dann zündete Monika Jung mehrere Raketen, die den Rathausplatz lautstark in Funken und Nebelschwaden hüllten. Der Rest der Anwesenden zückte Wunderkerzen und stürmte gemächlich das Rathaus.
Sturm ohne Prinzenpaar
Im Sitzungssaal wartete bereits der Dritte Bürgermeister Volker Goebel in Vertretung von Bürgermeister Jürgen Reinhard, der genauso abwesend war wie Prinz Othmar I. und seine Prinzessin Ursula II. Der Grund: der Empfang des Bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer in der Staatskanzlei in München, zu dem Prinzenpaar und Bürgermeister eingeladen waren.
Im Niedernberger Rathaus verteidigte derweil der Stellvertreter in einer flammenden Rede die Krawatte als »Symbol der Stärke, Schönheit und Macht«. »In unserem schönen Haupt haben wir Männer noch was - den Grips«, erklärte Goebel, »dass er nicht rausfällt, tragen wir am Hals den Schlips.« Mit diesen Worten redete sich der übermütige Bürgermeister sprichwörtlich um den Verstand, denn die Schere kam, schnitt und siegte.
Unter dem Jubel der Weiber setzte sich der so Entmannte eine braun-gelockte Perücke auf und zog ein kleines Schwarzes unter seinem Pullover hervor, das ihm bis zu den Knien reichte. Womöglich durch das feminine Textil beeinflusst, ließ sich Goebel zu emotionalen Worten hinreißen. »Die Honischer Fastnacht ist ein Gedicht«, sagte er mit leicht gerötetem Gesicht. Niedernberg sei eine Gemeinde, in der Brauchtum und Gemeinschaftsgefühl noch gepflegt würden.
Durch die Gemeinde ziehen
Beides bewiesen die Honischer Frauen nicht zuletzt mit ihren närrischen Gesängen. Zwischen den Liedern kurz am Glas genippt, gab es für den Bürgermeister zahlreiche Küsschen mit wasserfestem Lippenstift, der sich auf den Wangen Goebels deutlich abzeichnete. Übermäßig lange konnten die Weiber nicht im Rathaus verweilen, denn traditionell ziehen sie nach dem Sturm auf einen ausgiebigen Beutezug durch Niedernberg, um möglichst vielen Vertretern des männlichen Geschlechts die Krawatten zu kürzen. Schließlich galt es, erfolgreicher als im Vorjahr zu sein, als am Ende des Tages etwa 50 Krawatten an der Scheese baumelten. Auf der Route lagen neben der Metzgerei Mohr die Bäckerei Lui, Friseurläden, die Apotheke und viele andere Geschäfte - auch das Industriegebiet blieb nicht verschont.
Als Warnung für die Männer gab es eine Vorabinformation mit auf den Weg: »In zwei Jahren feiern wir Altweiberfasching zum 20. Mal, da werden wir uns was Besonderes einfallen lassen«, gab Monika Jung bekannt. Volker Goebel wird's gefallen - er war bereits vor 12 Uhr von den singenden Weibern nicht mehr zu unterscheiden. Sandra Breunig


 

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