Dienstag, 26.09.2017

Wirksame Blicke: Kandidaten-Plakate

Plakatstrategie von Alexander Hoffmann und Bernd Rützel

(© Frank Hagenauer)
Main-Spessart Mittwoch, 13.09.2017 - 20:36 Uhr

Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Frank Ha­ge­nau­er Alex­an­der Hoff­mann und Bernd Rüt­zel, wo­hin das Au­ge auch blickt. Ge­fühlt fast übe­rall in den Krei­sen Main-Spess­art und Mil­ten­berg hän­gen der­zeit die Wahl­pla­ka­te der bei­den Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten der bei­den gro­ßen Volk­s­par­tei­en.

Beide wollen im Bundestag bleiben und rühren daher kräftig die Wahlkampftrommel. Sie sind nicht nur viel in ihren Wahlkreisen unterwegs, sondern grüßen auch von den Laternenmasten und von eigens aufgestellten Bauzäunen. Allerdings verfolgen sie bei den Wahlplakaten eine ganz unterschiedliche Philosophie.
Hoffmann als Hahn im Korb
Äußerst ungewöhnlich ist der Plakat-Weg von CSU-Mann Hoffmann. Er arbeitet weitgehend mit einem Foto, das ihn von der Seite im offensichtlich lockeren Gespräch mit einer jungen Frau zeigt. Im weißen Hemd mit Krawatte, aber ohne Sakko. Seine Gesprächspartnerin ist rechts von ihm, sie lacht ebenso herzlich wie er, und links neben ihm steht eine weitere junge Frau und beobachtet die Szene. Hoffmann als Hahn im Korb, und zwar in Berlin, denn im Hintergrund ist die Reichstagskuppel. Eine Frage wird Hoffmann, wie er selbst sagt, in diesen Tagen häufig gestellt: Wer sind diese Frauen?
Er antwortet offen darauf: Beide kommen aus seinem Wahlkreis und waren Praktikantinnen in seinem Berliner Büro. Das Foto entstand, während er sie durch den Reichstag führte, also eine authentische Zufallsaufnahme. »Das Motiv hat mir dann so gut gefallen, dass ich beide um Erlaubnis gefragt habe, ob ich das Bild für mein Wahlplakat verwenden darf«, erklärt Hoffmann.
Dass er kein klassisches Porträtbild wollte, begründet er damit, dass er Rückmeldungen empfangen habe, dass die Leute lieber mal ein etwas anderes Plakat wollten. Nur auf einzelnen Plakaten mit Veranstaltungshinweisen ist Hoffmann daher klassisch in Form einer Porträtaufnahme zu sehen.
Rützels Hauptmotiv ist dagegen ein Porträtbild wie aus einem Fotografenhandbuch - perfektes, freundliches Lächeln, makellose Erscheinung, einwandfrei sitzender Anzug. Der direkte Blickkontakt zum Betrachter, auf den SPD-Mann Rützel setzt und auf den Hoffmann verzichtet, gilt als besonders werbewirksam.
Was sagt ein Experte für Werbepsychologie dazu? Kai Winter, Professor an der Hochschule Aschaffenburg: »Die Augendarstellung löst beim Betrachter eine weitgehend automatische, biologisch vorprogrammierte Aufmerksamkeitserhöhung und Orientierung zum Plakat hin aus. Zudem sind mit dem Blickkontakt emotionale Eindrücke verbunden, zum Beispiel Offenheit, Sicherheit, Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Hinwendung zum Betrachter«.
Setzt Hoffmann also aufs falsche Fotomotiv? Nein, denn auch Hoffmanns Plakat hat aus Winters Sicht einige Vorteile. »Durch die Interaktion der abgebildeten Personen entsteht eine Dynamik und Lebendigkeit. Das Bild erhält durch die Interaktion eine zusätzliche Bedeutung, es ist assoziationsreicher und wird so besser im Gedächtnis gespeichert«, analysiert der Wissenschaftler. Zudem umgeht Hoffmann die Nachteile des Porträtbilds, dem Winter eine gewisse Austauschbarkeit der Werbung zuschreibt. Das wirke sich negativ auf die Gedächtniswirkung aus.
Rützel mit lokalen Leuten
Rützel arbeitet allerdings nicht nur mit einem Porträtbild, sondern hat für 30 verschiedene Kommunen auch noch je ein individuelles Großplakat produziert, das ihn mit örtlichen Parteimitgliedern zeigt. »Das ist ein deutlicher Mehraufwand zu einer 08/15-Kampagne, die überall gleich daherkommt. Aber das ist es uns wert«, sagt Rützel über diese besonders volksnah wirkende Plakat-Aktion. Hoffmann wiederum will seine Volksnähe lieber nur durch seine Besuche in den Gemeinden ausdrücken. Eine individuelle ortsbezogene Plakatkampagne sei nicht sein Ding.
An den Rützel-Plakaten mit den Parteikollegen bemängelt Winter, dass durch die Abbildung mehrerer Personen »eine höhere Bildkomplexität« entstehe, die sich negativ auf die Informationsverarbeitung des Betrachters auswirken könne. »Hinzu kommt, dass nur eine schwache Fokusbildung zum beworbenen Kandidaten vorliegt«, lautet das Urteil des Experten. Auf Hoffmanns Plakat mit den zwei Frauen erkennt Winter dagegen »eine gute Fokusbildung«, weil der Kandidat eine klare Stellung im Mittelpunkt des Geschehens habe.
Fazit: Das perfekte Wahlplakat gibt es nicht. Genauso wenig, wie es den perfekten Kandidaten gibt.

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