Mittwoch, 29.07.2015

Raffinierte Masche mit Zählerständen

Stromversorgung: Obskure Briefkastenfirma versucht an Kundendaten zu kommen - Steckt Betrugsabsicht dahinter?

Karlstadt/Lohr Samstag, 09.07.2011 - 00:00 Uhr

»Das ist ganz obskur«, bewertet Stefan Schinagl von der Energieversorgung Lohr-Karlstadt die raffinierte Masche einer Briefkastenfirma bei Cloppenburg, an sensible Kundendaten zu kommen und durch deren Weitergabe Geld zu verdienen.

Möglicherweise ist das in der Branche unbekannte »Institut für Zählermessungen« nur auf Adressen scharf, um sie als angeblich wechselwillige Abnehmer an Stromunternehmen zu verhökern oder anderen Missbrauch damit zu betreiben.
Aufmerksam wurde die Energieversorgung Lohr-Karlstadt auf diesen dreisten Betrugsversuch durch Anrufe besorgter Kunden: Bei der Energieversorgung in Karlstadt melden sich zur Zeit täglich Anrufer, die eine Ablesekarte für ihren Stromzähler von diesem Institut in einem kleinem Stadtteil von Cloppenburg erhalten haben, und nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen.
Keine Geschäftsbeziehungen
In einer Pressemitteilung stellt die Energieversorgung klar, dass sie zurzeit keine Zählerablesungen vornimmt. Auch stehe sie in keinen geschäftlichen Beziehungen zu dem Institut, für das ein »Herbert Schneider« auf dem auf den ersten Blick seriös wirkenden Brief an Kunden der Energieversorgung Lohr-Karlstadt in Erscheinung tritt.
Jedoch stellt Stefan Schinagl klar: Mit einer einmaligen Ablesung des Zählerstandes könne - wie vorgegaukelt - weder der Verbrauch errechnet noch analysiert werden. »Von einer Beantwortung der Ablesekarten wird dringend abgeraten, denn dadurch werden persönliche Daten an Unbekannte weitergegeben«, empfiehlt daher das in Karlstadt ansässige Stromversorgungsunternehmen.
Bei diesem als »Zählerstandsmessung 2011« getarnten Anschreiben wird der Eindruck erweckt, als interessiere sich das »Institut für Zählermessungen« tatsächlich für den Stromverbrauch von Kunden. Um vermutlich von der eigentlichen Absicht abzulenken, wird fadenscheinig angeführt, dass nach der Entscheidung der Bundesregierung zum Atomausstieg der Stromkonsum der einzelnen Haushalte bundesweit zentral erfasst werden solle. Dazu werden die Adressaten auch gebeten, Zählernummer und Verbrauchsstelle mit anzugeben. Mitgeteilt werden soll auch noch Tag der Ablesung und die E-Mail-Adresse. Schinagl warnt davor, die Karten ausgefüllt abzuschicken.
Die Zweifel des Sprechers der Energieversorgung sind durchaus angebracht. Recherchen unserer Zeitung haben ergeben, dass dieses Institut vermutlich nur auf dem Briefkopf seines Betreibers existiert. Es gibt nur eine Postfachadresse. Schmertheim selbst - dort soll das Institut angesiedelt sein - ist ein kleiner Stadtteil von Cloppenburg.
Auch wenn es in der Strombranche durchaus üblich ist, Zählerstände von Fremdfirmen ablesen zu lassen, erweckt dieses Institut nicht den Eindruck der Seriosität: Es ist nicht einmal dem örtlichen Stromversorger EWE in Cloppenburg bekannt. Selbst der Journalistenkollege der dort ansässigen »Nord-West-Zeitung« musste schmunzeln, als er auf Nachfrage unserer Redaktion die Frage beantworten sollte, wie groß Schmertheim sei und ob er dort dieses Institut kenne. Jedenfalls hat der Ort »nur drei Häuser«. Auch die Bitte aus Lohr, doch einmal die örtlichen Telefonbücher zu wälzen, brachte keine weiteren Hinweise auf die ominöse Briefkastenfirma. Selbst im Internet wurde unsere Zeitung nicht fündig. In Schmertheim gibt es weder einen Telefonanschluss für dieses Institut noch ist Herbert Schneider selbst per Fernsprecher erreichbar. Auch er hat keinen Nummerneintrag.
An dem Schreiben fällt nicht nur die raffinierte Masche mit dem Zählerstand auf, sondern auch die Vielzahl an peinlichen Rechtschreibfehlern. Mit dem als »Dankeschön« ausgelobten, aber nicht näher beschriebenen »Energiespargerät« sollte der Absender der Karten »effizient Ihre Sttrom sparen können«. Auch die falsch geschriebene »Verbrausstelle« hätte Herr Schneider vor dem Unterzeichnen entdecken können.
Die Polizeiinspektionen in Karlstadt und Lohr haben jedenfalls in Sachen Verbrauchsmessung noch keine Anrufe von besorgten Verbrauchern erhalten. Ob es das Institut tatsächlich gibt, bezweifelt nicht nur Stefan Schinagl. Denn die aufgedruckte Kundennummer auf den Anschreiben sei frei erfunden. Zumindest aber stimmt die auf der Antwortkarte angegebene Postleitzahl Sie scheint die einzige wahre Angabe auf dem fingierten Schreiben zu sein.
Jochem Hauck

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