Mittwoch, 29.07.2015

Was geschah in der großen Pause?

Gericht: Woran sich die Frau erinnert, die für Horst Arnolds fünfjährigen Freiheitsverlust verantwortlich sein soll

Darmstadt Freitag, 26.04.2013 - 00:00 Uhr

Sie bleibt da­bei: »Horst Ar­nold hat mich ver­ge­wal­tigt.« De­tail­reich schil­dert die Leh­re­rin, was der Kol­le­ge ihr vor zwölf Jah­ren in ei­nem Bio­lo­gie­raum der Ge­org-Au­gust-Zinn-Schu­le in Rei­chels­heim (Oden­wald­kreis) an­ge­tan ha­ben soll. Im Ge­richts­saal sitzt die 48-Jäh­ri­ge dies­mal nicht als Zeu­gin und Op­fer, son­dern als An­ge­klag­te: we­gen Frei­heits­be­rau­bung, weil sie den Mann mit ei­ner Lü­ge ins Ge­fäng­nis ge­bracht ha­ben soll.

Der Prozess hat gestern vor dem Landgericht Darmstadt begonnen. Bis in den Juni hinein werden die Beteiligten herauszufinden versuchen, was in der großen Pause am 28. August 2001 in Reichelsheim geschah.
Die Kammer mit der Vorsitzenden Richterin Barbara Bunk ist die dritte, die den Fall auf dem Tisch hat: Erst mal wurde - ebenfalls in Darmstadt - Horst Arnold 2002 zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Er war längst wieder auf freiem Fuß, als sein Rechtsanwalt Hartmut Lierow das Wiederaufnahmeverfahren und den nachträglichen Freispruch erreichte (wir berichteten).
»Ich weiß es nicht«
Nun, im Strafverfahren gegen die Frau, die ihn einst anzeigte, beginnt die Beweisaufnahme erneut von vorn: Ist die - vom Dienst suspendierte - Lehrerin Opfer, wie sie beteuert, oder ist sie mit ihrer Anzeige und den Zeugenaussagen zur Täterin geworden und muss für Arnolds Freiheitsverlust zur Rechenschaft gezogen werden?
Fünf Stunden nimmt sich das Gericht am ersten Tag für die Vernehmung der Angeklagten. »Ich weiß es nicht«, wird danach der Satz sein, den sie am häufigsten gesagt hat. Details wie die Farbe des Wickelrocks, den sie am fraglichen Tag trug, hat sie erstaunlich präsent, bei Fragen etwa nach der zeitlichen Abfolge von Ereignissen muss sie regelmäßig passen: »Ich weiß es nicht.«
»Dem Vergewaltiger begegnet«
Keinen leichten Stand hat die dreimal nach kurzer Ehe geschiedene Lehrerin, weil ihr der Ruf vorauseilt, es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen. So will sie am 3. Oktober 2001 in Michelstadt, wo sie mit ihrem damals 13-jährigen Sohn wohnte, dem Vergewaltiger begegnet sein. Er habe sie bedroht, versichert die Frau der Polizei. Was sie nicht wusste: An jenem Feiertag war Horst Arnold bereits Untersuchungshäftling in Weiterstadt. Vielleich sei es ja auch dessen Bruder gewesen, räumt die 48-Jährige, die eine Verwechslung damals ausschloss, jetzt in der Anklagebank ein.
Sie erzähle gern »Lügengeschichten«, hatte es schon in Arnolds Wiederaufnahmeverfahren geheißen, in dem die Belastungszeugin auf Raten ihrer Anwältin keine Aussage machte. Mehrere der mutmaßlichen Märchen hält ihr Richterin Bunk nun vor: Stimmt es, dass sie dem Sohn ihres Chefs vorgemacht hat, von ihm schwanger zu sein? Hat sie wahrheitswidrig von einer Vergewaltigung durch ihren früheren Ehemann erzählt, von einer tödlich verunglückten Tochter, von einem Lebensgefährten, der Polizist war und im Dienst erschossen wurde? »Ich weiß es nicht.«
Hat sie sich auch ausgedacht, was ihr im Bio-Fachraum angetan worden sein soll? Am 7. Mai wird der Darmstädter Prozess fortgesetzt, und ihr von zwei Kollegen unterstützter Rechtsanwalt Torsten Rock hat gestern angekündigt, über die Wahrheitsliebe des vergangenen Juni gestorbenen Horst Arnold zu sprechen. Der habe nämlich »gelogen«. Thomas Jungewelter

Ort des Artikels

64283 Darmstadt

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