Samstag, 05.09.2015

Wie eine vorgetäuschte Vergewaltigung ein Leben zerstört hat

Justiz: In Darmstadt kommt die Frau vor Gericht, die mit einer Vergewaltigungsanzeige ein Leben zerstört haben soll

Eine tragische Lügengeschichte Mittwoch, 10.04.2013 - 00:00 Uhr

Sie soll ein Men­schen­le­ben zer­stört ha­ben: Am 25. April be­ginnt in Darm­stadt der Pro­zess ge­gen die Leh­re­rin, die ei­nen Kol­le­gen we­gen Ver­ge­wal­ti­gung an­zeig­te. Der Mann saß fünf Jah­re im Ge­fäng­nis. Im spä­te­ren Wie­der­auf­nah­me­ver­fah­ren wur­de er frei­ge­spro­chen - we­gen er­wie­se­ner Un­schuld. Der Leh­rer ist ver­gan­ge­nes Jahr ge­s­tor­ben, sei­ne Kol­le­gin kommt nun vor Ge­richt. Die An­kla­ge: Frei­heits­be­rau­bung.

Im August 2001 ist Horst Arnold 42 Jahre alt. An der Georg-August-Zinn-Gesamtschule in Reichelsheim unterrichtet der Odenwälder aus dem nahen Wald-Michelbach seit 15 Jahren Biologie und Sport. Sein Leumund dort ist mäßig, von Alkohol ist die Rede. Am Ende der Sommerferien hat der Pädagoge eine neue Kollegin bekommen, Biologielehrerin, aus Ostwestfalen nach Südhessen gezogen. Sie wird als sympathisch beschrieben und als hübsch. Dass man die 36-Jährige eine notorische Lügnerin nennen kann, soll sich erst später herausstellen.
Fünf Jahre Gefängnis
Für Horst Arnold wird die Frau zum Schicksal: Am 28. August, einem Dienstag, sei ihr Kollege während der Pause im Biologie-Vorbereitungsraum über sie hergefallen, habe mit Todesdrohungen ihren Widerstand gebrochen, sie vergewaltigt, gibt die Lehrerin wenige Tage später bei der Polizei zu Protokoll. Der Beschuldigte, von der Schule sofort entlassen, kommt in Untersuchungshaft. Vorgesetzte, Ermittlungsbeamte und schließlich auch die 12. Strafkammer des Landgerichts Darmstadt schenken der Frau Glauben: Am 24. Juni 2002 wird Horst Arnold zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Bis zum Schluss hat er geleugnet.
Kein Geständnis, keine Reue
Dabei bleibt es - nach der erfolglosen Revision beim Bundesgerichtshof - auch in der Haft: Der Verurteilte bestreitet die Tat. Weil er kein Geständnis ablegt, also weder Einsicht noch Reue zeigt, sich nicht in Therapiestunden mit der Vergewaltigung auseinandersetzt, kommt er nicht vorzeitig raus. Horst Arnold sitzt die fünf Jahre ab, bis zum letzten Tag. Er ist nun arbeitslos, bis zu seinem Tod wird er von Hartz IV leben.
Dass ihn die Wiederaufnahme seines Falls noch zu Lebzeiten die Rehabilitation erleben lassen wird, verdankt der Haftentlassene einer misstrauisch gewordenen Amtsträgerin und einer glücklichen Fügung. Es ist die Frauenbeauftragte der Reichelsheimer Schule, die den Stein ins Rollen bringt, als sie mit ihrem Bruder Hartmut Lierow über Lügengeschichten spricht, in die sich das angebliche Vergewaltigungsopfer immer wieder verstrickt. Lierow, Rechtsanwalt in Berlin, übernimmt.
Der Jurist, im Strafrecht sonst nicht zuhause, vergräbt sich in den Fall, fördert Merkwürdigkeiten ans Licht, sammelt hartnäckig Hinweis um Hinweis darauf, dass die zuletzt wieder heimatnah in Bielefeld arbeitende Belastungszeugin vor Gericht nicht die Wahrheit gesagt hat, dass sie nicht das Opfer ist, als das sie ihren Kollegen hinter Gitter brachte.
Drei Jahre vergehen, bis das Landgericht Kassel den Fall neu aufrollt. Die Anklagebehörde hat sich gegen die Wiederaufnahme gesträubt, Anwalt Lierow indes blieb »unerschütterlich«, wie Gisela Friedrichsen im »Spiegel« hervorhebt. Am 5. Juli 2011 bekommt Horst Arnold seinen Freispruch - nicht wegen des Grundsatzes »im Zweifel für den Angeklagten«, sondern weil seine Unschuld erwiesen sei, betont Richter Jürgen Dreyer. »Es ist davon auszugehen, dass die Zeugin gelogen und die Geschichte von vorn bis hinten erfunden hat.« Davon ist mittlerweile auch die Staatsanwaltschaft überzeugt.
Herzinfarkt mit 53
Im Prozess - wieder ist sie Nebenklägerin - hat die 46-Jährige diesmal die Aussage verweigert. Ihre Revision gegen den Kasseler Freispruch wird der Bundesgerichtshof in Karlsruhe sieben Monate später zurückweisen. Vom Schuldienst ist die Frau inzwischen suspendiert.
Für das Land Hessen ist Arnolds Rehabilitierung unterdessen kein Anlass, den Pädagogen, der nie Beamter war, wieder zu beschäftigen. Das Urteil sei noch nicht rechtskräftig heißt es aus dem Kultusministerium zunächst. Und später, dass er sich dem ganz normalen Bewerbungsverfahren stellen müsse, wie jeder andere, der Lehrer werden will.
Dazu kommt es nicht mehr: Am Morgen des 29. Juni 2012 liegt Arnold unweit seiner Wohnung in Völklingen an der Saar, wo er zuletzt lebte, tot auf der Straße. Herzinfarkt, mit 53 Jahren. Die Angehörigen begraben ihn in Wald-Michelbacher Heimaterde. Anwalt Lierow sieht einen Zusammenhang zwischen dem Unrecht, das seinem Mandanten widerfuhr, und dessen frühem Sterben.
Paragraf 239
»Wer einen Menschen einsperrt oder auf andere Weise der Freiheit beraubt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft«, schreibt das Strafgesetzbuch in Paragraf 239 vor. Doppelt so hoch kann die Strafe ausfallen, wenn das Opfer länger als eine Woche festgehalten wurde. Fünf Jahre zum Beispiel, wie Horst Arnold. Thomas Jungewelter

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