Sonntag, 05.07.2015

Das Wasser zu den Bäumen bringen

Trockenstress: Im hessischen Ried bei Darmstadt gelten 10 000 Hektar Wald als besonders geschädigt

Darmstadt
Freitag, 08. 02. 2013 - 00:00 Uhr

Aus Darm­stadt raus, dann gleich ab­bie­gen - schon fällt der Blick auf »Geis­ter­bäu­me«. Der Wald im hes­si­schen Ried ist ei­ne Ka­tastro­phe. Bäu­me sind ver­trock­net, ih­re Wur­zeln ha­ben das ab­ge­sun­ke­ne Grund­was­ser nicht mehr er­reicht. Vor 50 Jah­ren war da­mit be­gon­nen wor­den, zur Trink­was­ser­ver­sor­gung der wach­sen­den Be­völ­ke­rung und für Un­ter­neh­men Was­ser ab­zu­pum­pen.

Die verkrüppelten Äste sind wie erstarrt und leblos. »Das sind Leichen. Denen können Sie nicht mehr helfen«, sagt der Darmstädter Forstamtsleiter Hartmut Müller und deutet auf die Buchen. Es müsse aber eine Lösung her: Wo kein Wald ist, können Bäume nicht die Luft reinigen und das Klima ausbalancieren. Ein 2007 begonnenes Projekt im benachbarten Weiterstadt könnte Modell sein, wie neu bepflanzte Flächen mit Wasser versorgt werden können.
Durch Rohre und Gräben
Rund 10 000 Hektar - eine Fläche fast so groß wie die Stadt Darmstadt - gelten im hessischen Ried als besonders geschädigt. Das Weiterstädter Projekt »Bebauung schützen, dem Wald und der Landwirtschaft nützen« bezieht sich auf 500 Hektar. Für äußerst vielversprechend hält es Weiterstadts technischer Leiter Klaus Wigand dennoch. »Einen Gewinn haben alle Beteiligten«, meint er.
Brunnen zapfen Grundwasser an, wo es zu hoch gestiegen ist und Keller deshalb nass werden. Es wird durch Rohre gepumpt, im Wald durch Gräben geleitet, damit es dort hin fließt, wo es gebraucht wird. Die Vorteile gegenüber dem Anheben des Grundwassers: Bauern haben keine nassen Felder, stattdessen im Sommer noch Wasser, Keller bleiben trocken -  aber Bäume werden wieder versorgt.
Das Grundwasser einfach überall wieder anzuheben, hält auch die Umweltschutzorganisation BUND nicht für die beste Lösung. »Zurück zu früher geht nicht mehr«, sagt der BUND-Naturschutzexperte Thomas Norgall. »Wir würden uns wünschen, dass Wasser aus Brunnen für trockene Bereiche benutzt wird.« Damit könnten bebaute Gebiete geschützt werden.
Zwischen Darmstadt und Weiterstadt zeigt sich im Waldgebiet »Triesch« - ein alter Begriff für »feuchte Weide« - wie sehr eine Lösung gebraucht wird. Tote Bäume verbreiten eine düstere Stimmung. Wenn sie gefällt werden, ist ihr Holz kaum noch zu gebrauchen, der Preis im Keller. Einige Baumstämme tragen ein großes helles X. »Die werden zum Heizen verschenkt«, sagt Förster Michael Göbel.
Engerlinge an den Wurzeln
Die Bäume im hessischen Ried haben aber nicht nur mit dem »Trockenstress« zu kämpfen, sondern auch mit dem Maikäfer. »Er ist ein Gegenspieler«, meint Müller. Und auch das hänge mit dem gesunkenen Grundwasser zusammen. Die Engerlinge - die Larven der Käfer - wandern im Boden auf der Flucht vor Frost weiter nach unten. Dort lauert keine Gefahr mehr - denn das für sie tödliche Grundwasser liegt noch tiefer, die Engerlinge überleben. Sie sind aber die Totengräber der Bäume, denn sie ernähren sich von Baumwurzeln.
Ein Aufforsten der toten Flächen sei eine Mammutaufgabe, sagt Förster Müller, ein Projekt, von dem die nächsten Generationen etwas haben. Was jetzt noch zu sehen ist, sei kein Wald mehr, meint sein Kollege Göbel. Bäume müssten zum gesunden Wachsen so dicht stehen, dass sie sich berühren und unter ihren Ästen ein anderes Klima herrscht. Eigentlich stehe der Begriff »Wald« nur noch auf dem Papier. Joachim Baier (dpa)

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