Sonntag, 02.08.2015

Mit kalten Füßen den Verweis in Kauf genommen

Schüler-Demonstration: Auch Lehrer und Eltern beim Würzburger Protest gegen die neue gymnasiale Oberstufe

Würzburg Samstag, 13.02.2010 - 00:00 Uhr

Wer sich nicht von Verweisen stoppen lässt, hält auch Schnee und kalte Füße aus: Eine Gruppe Gymnasiasten aus Karlstadt war gestern dabei, als in Würzburg gut 600 Schüler, Lehrer und vereinzelt auch Eltern gegen die neue gymnasiale Oberstufe »Q11« protestierten.

Einige Zehntklässler vom Johann-Schöner-Gymnasium aus Karlstadt waren schon Anfang Dezember unter den 3000 Menschen gewesen, die in Würzburg aus Protest gegen Studienbeiträge und die Auswirkungen der Bologna-Reform auf die Straße gingen (wir berichteten). Weil sie dafür den Unterricht sausen ließen, bekamen sie Verweise. »Macht nichts. Wir sind stolz darauf, hier unsere Meinung zu vertreten«, sagt Marko. Auch bei Schneetreiben und Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt. Das Winterwetter sorgte allerdings dafür, dass die Demonstration gestern flott durchgezogen wurde: Etwa eine halbe Stunde nach dem Start an der Residenz begann bereits die Abschlusskundgebung auf dem Marktplatz.
Dort harrten Schüler und Lehrer noch einmal eine gute Stunde im Schneematsch aus. In vorderster Reihe: Die Abordnung aus Karlstadt. Auch von der Kälte, die ihnen in die Schuhe kroch, und von den Auspuffgasen des Generators für die Lautsprecheranlage ließen sie sich nicht vertreiben.
Ihre Motivation: »Ich habe keine Lust, 35 Stunden in der Woche in der Schule zu verbringen. Ich komme später heim als meine Schwester, die voll arbeitet«, so Zehntklässlerin Anna. Früher spielte sie Volleyball und Badminton, musste aber wegen der Schule beide Sportarten aufgeben: »Am Wochenende sitze ich manchmal bis kurz vor Mitternacht am Schreibtisch.«
Kürzlich haben die Zehntklässler ihre Fächer für die 11. und 12. Jahrgangsstufe ausgewählt. Große Hoffnungen, dass sich für sie noch etwas ändert, hat Nadine, die ebenfalls das Johann-Schöner-Gymnasium besucht, nicht: »Wir kämpfen aber auch für die, die nach uns kommen.«
Dabei haben sie die Opposition im Bayerischen Landtag, den Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverband (BLLV) und die Elternvertretungen auf ihrer Seite. »Ich gratuliere euch zu eurer Zivilcourage und eurer Energie. Die Lehrer stehen an eurer Seite«, sagte der unterfränkische BLLV-Bezirksvorsitzende Gerhard Bleß. Die kürzlich von Kultusminister Ludwig Spänle (FDP) vorgestellten Nachbesserungen für die »Q11« kritisierte er als »unüberlegten Schnellschuss«.
»Dadurch hat es allenfalls minimale Verbesserungen gegeben«, sagt auch Christiane Kerner. Die ehemalige Elternbeiratsvorsitzende am Würzburger Deutschhaus-Gymnasium ist Mutter eines Elftklässlers: »Ich bin entsetzt, weil die Schüler kaum noch Zeit haben. Nachhilfestunden müssen teilweise am Sonntag stattfinden.« Solange sich nichts ändert, so Kerner, sollen die Schüler an jedem Zeugnistag auf die Straße gehen: »Und beim nächsten Mal müssen auch die Eltern dabei sein.«
Patrick Wötzel

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