Mittwoch, 21.02.2018

Die gelassene Feuerwehr

Girl Whispering In Grandmother's Ear
Montag, 29.01.2018 - 16:35 Uhr

Opa ist der Al­ler­größ­te. Er liest ge­dul­dig auch zum vier­ten Mal das neue Pi­xi-Buch vor. Er steht in So­cken in der zu­gi­gen Grund­schul­turn­hal­le und feu­ert die En­ke­lin beim Kin­der­tur­nen an.

Oma ist die Allerbeste. Mit ihr wagt sich der Knirps mit Schwimmflügeln zum ersten Mal ins Meer. Sie ist die beste Rollenspielpartnerin, lässt sich als Patientin Arm, Bein und Kopf mit Mullbinde einwickeln und mimt geduldig ein Baby beim »Vater-Mutter-Kind-Spiel«. Oma stopft in Windeseile ein Loch in der teuren Wolle-Seide-Hose, liest »Es klopft bei Wanja in der Nacht« und erntet mit den Enkeln Beeren im Garten.
Großeltern sind heute wichtiger denn je. In Zeiten, in denen Familien immer kleiner sind und Kinder ohne Geschwister, Tanten, Onkel und Cousinen aufwachsen, sind sie meist die drittwichtigste Bezugsperson für ein Kind. Oft kümmern sich gar vier Großeltern um einen einzigen Enkel - bei Patchworkfamilie noch mehr. Bei Alleinerziehenden sind Großeltern sogar noch wichtiger. »Die Beziehung zwischen Großeltern und ihren Enkelkindern ist heute enger als in früheren Generationen, und dass obwohl sie in den allermeisten Fällen in getrennten Haushalten leben und ihren Alltag zum Großteil selbstständig organisieren«, sagt Carolin Seilbeck vom Deutschen Jugendinstitut in München.
EINMAL DIE WOCHE BEI OMA UND OPA
Großeltern haben mittlerweile auch eine große Bedeutung für Wirtschaft und Gesellschaft. Zwar gibt es Krippe, Kindergarten und Hort, aber ohne Großeltern würden viele Eltern nicht so arbeiten können, wie sie es tun. Laut der Betreuungsstudie des Deutschen Jugendinstituts verbringt jedes dritte Kind bis zu drei Jahren mindestens einmal die Woche mehrere Stunden bei Oma oder Opa. Zwei Drittel der Eltern setzen ab und zu ihre eigenen Eltern als Babysitter ein. Das liegt auch an der räumlichen Nähe. Laut der Studie trennt knapp 40 Prozent aller Kinder bis 16 Jahre höchstens eine Viertelstunde Fußweg vom nächsten Großelternteil, weitere 35 Prozent der Großeltern sind innerhalb einer Stunde erreichbar. Großeltern sichern wie ein doppelter Boden den Alltag ab. Sie kann man schnell anrufen, wenn Betreuungsnotstand herrscht. Sie düsen sofort an, wie eine Feuerwehr, die durch eine große Portion Lebenserfahrung gelassen einspringt. Urs Fuhrer hat das in seinem Buch »Erziehungskompetenz. Was Eltern und Familien stark macht« gut auf den Punkt gebracht: »Ohne Großeltern könnten viele junge Eltern jahrelang nicht ausgehen, keine Nacht durchschlafen, dürften nicht krank werden«.
MITTEN IM LEBEN
Heutige Großeltern sind jünger im Kopf als Großelterngenerationen davor. »Sie sind im Alter gesünder und aktiver, sie sind toleranter gegenüber den eigenen Enkelkindern«, betont Carolin Seilbeck vom Deutschen Jugendinstitut. Sie sind oft noch berufstätig und stehen mitten im Leben, sind aber nicht so gehetzt und zerrissen zwischen den verschiedenen Pflichten wie die Eltern. Sie geben den Enkeln Ruhe. Soll heißen: Sie sind gelassener, da sie ihre Lebenserfahrung gelehrt hat, dass viele Dinge nicht so dramatisch sind, wie sie zunächst scheinen. Großeltern leben wie ihre Enkel den Moment, im Hier und Jetzt. Sie haben Zeit und Geduld - und denken nicht immer daran, was alles noch erledigt werden muss. »Für Großeltern ist es ein ›Darf‹, kein ›Muss‹, Zeit mit den Enkeln zu verbringen und das spürt man einfach«, sagt Pädagoge und Mediator Oliver Haberer.
Großeltern sind heute näher dran an Kindern und Enkeln, das führt auch zu Spannungen, weiß die Darmstädter Paartherapeutin Doris Dingeldey-Rauh, die mit Haberer den Kurs »Starke Großeltern, starke Kinder« anbietet. Im Kurs geht es laut Ankündigung auch darum »die typischen Klippen des Großelternseins zu umschiffen«. Klar müsse sein, dass die Erziehungskompetenz bei den Eltern liege. »Oft kommt es zur Missstimmung zwischen den Generationen, weil sich die Großeltern zu sehr einmischen«, hat Dingeldey-Rauh in den Kursen festgestellt. »Aber es geht darum die unterschiedlichen Werte und Haltungen zu akzeptieren.« Gut illustriere das ein Bild, auf dem Elternhaus, Großelternhaus und Haus der Schwiegergroßeltern zu sehen sind. »Je nachdem in welchen Haus die Kinder zu Gast sind, gelten andere Regeln und Grenzen. Das ist auch in Ordnung. In einem Haus dürfen die Enkel aufstehen, wenn sie fertig gegessen haben, im anderen sollen sie sitzen bleiben. In einem Haus dürfen sie die Straßenschuhe anlassen, im anderen nur mit Hausschuhen durchs Haus laufen.« Wichtig sei, Respekt, Verständnis und der Wille zum Dialog zwischen den Generationen. Denn Großeltern sind für Enkel wichtig als »verlässliche Personen«. Und sie können manches besser als die Eltern - etwa »gut zuhören und ihren Enkeln Zeit schenken, Zeit, die heutige Eltern oft nicht haben«, betont Dingeldey-Rauh. »Wenn Oma und Opa aus ihrem Leben erzählen, sind das wertvolle Schätze für die Kinder«, sagt die Paartherapeutin.
Aber auch für Großeltern hat es Vorteile, die Enkel regelmäßig zu sehen. Die Wissenschaftler der Berliner Altersstudie kommen zum Ergebnis, dass Großeltern, die auf ihre Enkel aufpassen, länger leben. Das zeigen Daten von über 500 Senioren, die älter als 70 Jahre sind. Und nicht nur das: »Verschiedene Studien konnten zeigen, dass in Deutschland Enkelkinder eine positive Auswirkung auf das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit älterer Menschen haben«, sagt Carolin Seilbeck vom Deutschen Jugendinstitut. Durch den Umgang mit Enkelkindern knüpften Großeltern an frühere Lebensphasen und familiäre Erfahrungen an. »Großeltern bleiben kreativer und zeigen eine größere Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen«.
Der Gewinn ist also auch ein frischer Blick auf das Leben. Oder wie es Dietrich von Horn im Buch »Oma, Opa, kann ich ein Eis?!« ausdrückt: »Man darf alle Facetten seines Ichs ausleben, man darf doof sein, frech ausgelassen, unvernünftig, unverschämt, laut chaotisch. Man darf sich auf dem Fußboden wälzen und sich auf den Knie vorwärts bewegen, solange es die eigenen Knochen mitmachen und man anschließend wieder in die Senkrechte kommt. Man darf wieder Kind sein, ohne dass die Erwachsenenwelt irritiert guckt.«