Sonntag, 22.10.2017

Echter Zaubertrank

Montag, 25.09.2017 - 13:00 Uhr

Beim Stil­len bleibt manch­mal die Zeit ste­hen: Es sind kost­ba­re, ku­sche­li­ge Mo­men­te, klei­ne In­seln der Ge­bor­gen­heit für Mut­ter und Kind. Die Hor­mo­ne tan­zen, Ma­ma ist ganz ver­liebt in das klei­ne zar­te We­sen, das sich al­les, was es braucht, aus der Brust holt.

Wenn es gut klappt ist Stillen das Beste fürs Kind. Muttermilch ist die natürliche Nahrung für ein Baby und ein echter Zaubertrank. Julia Dibber beschreibt Muttermilch in ihrem Buch »Verwöhn Dein Baby nach Herzenslust« gar als »Wellness-Elexir« für das Baby, das es »mit Nährstoffen, Glückshormonen, Antikörpern, guten Bakterien und einer Reihe weiterer wertvoller Dinge versorgt«.
ANTIKÖRPER DABEI
Die Vorteile liegen auf der Hand: Mama hat das Essen immer dabei - und es hat automatisch die richtige Temperatur und die richtige Zusammensetzung. Die Eltern müssen nichts anrühren, keine Fläschchen sterilisieren und nachts nicht aufstehen. Und: Muttermilch kostet nichts, wie Rita Weis, Leiterin der Geburtsstation in der Helios Klinik Erlenbach betont, die als babyfreundlich zertifiziert ist und in der das Team besondere Hilfe beim Stillstart gibt. »Die Muttermilch setzt sich nach den Bedürfnissen des Babys zusammen. Lebt eine Mutter in Afrika in heißerem Klima, ist die Milch eher wässrig, durstlöschender. Lebt eine Mutter im hohen Norden, ist die Milch fetthaltiger«, erklärt Weis.
Die Natur hat hier echt mal mitgedacht: Muttermilch ist echtes Superfood. Die Inhaltsstoffe der Milch ändern sich auch je nach Alter des Babys. Und: »Gestillte Kinder sind weniger und weniger schwer krank als flaschenernährte Kinder«, sagt Rita Weis. »Sie haben auch weniger Krankenhausaufenthalte.« Gestillte Kinder erhalten durch die Muttermilch Antikörper der Mama. Studien zeigen, dass gestillte Kinder weniger häufig Mittelohrentzündungen und Magen-Darm-Infekte haben. Das Stillen hat aber auch Vorteile für die Mutter: Saugt das Baby an der Brust, wird das Milchproduktionshormon Prolaktin ausgeschüttet. Es macht die Mutter gelassener.
HORMONTANZ
Auch Oxytocin wird ausgeschüttet und hat gleich mehrere Effekte. Es verringert die Ausschüttung von Stresshormonen bei Mutter und Kind und fördert die Bindung zwischen beiden. So steckt die Mama kurze Nächte und Erschöpfung leichter weg. »Stillen senkt auch das Risiko für Brust- und Eierstockkrebs, Osteoporose, Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes Typ II und Übergewicht«, sagt Weis. Und: Oxytocin löst die ersten Tage nach der Geburt Nach-wehen aus. Diese Kontraktionen der Gebärmutter unterstützen die Rückbildung. Muttermilch helfe auch bei wunden Brustwarzen, erklärt Tanja Gerodetti, Stillberaterin der La-Lache-Liga. Trägt man etwas Muttermilch auf die geröteten Brustwarzen auf und lässt sie antrocknen, schützen die antibakteriellen Stoffe in der Milch die Brust vor Entzündungen.
So viele Vorteil das Stillen hat, ist es manchmal aber auch echt anstrengend. Es ist eine Mammutaufgabe, die Mütter nicht delegieren können (von kleinen Mengen abgepumpter Milch einmal abgesehen. Beim Stillen bleibt manchmal die Zeit stehen - besonders am Anfang. Manchmal fragen sich Mütter, was sie den ganzen Tag gemacht haben. Ach ja. Gestillt, gestillt und gestillt. Auch solche Tage gibt es, an denen der Milchkoller die Mütter überrollt. Das T-Shirt ist voller Milchflecken, die Brust schmerzt und der Körper ist irgendwie nicht mehr der eigene. Mama ist geparkt und nachts immer zuständig - manchmal alle zwei Stunden, manchmal alle halbe. Manchmal hat man einfach nur Wut auf den Mann, weil der schläft wie ein Stein, während man ständig wach ist. Dass gestillte Kinder schlechter durchschlafen als flaschenernährte Kinder, bezeichnet Rita Weis allerdings »als Mythos«. Vielmehr gleiche die Mutter ihren Schlaf an das Baby an. »Eine Mama ist oft vor dem Baby wach, wenn es stillen möchte.« Und es gibt eben immer wieder Phasen, in denen Babys häufiger an die Brust wollen - weil sie einen Wachstumsschub haben oder weil sie einen Entwicklungssprung durchmachen. Stillen ist viel mehr als nur Nahrungsaufnahme, nämlich auch Stressregulierung. Mamas Nähe beruhigt ungemein. »Mit einem halben Jahr nehmen Kinder viel visuell auf und lernen viel Motorisches. Dann kommen sie nachts kurz mal an die Brust und können das leichter verarbeiten«, so Weis.
WIE LANGE?
Wie lange eine Frau stillt, ist ihre Entscheidung - und da sollte sich niemand einmischen. Die WHO empfiehlt, ein Baby sechs Monate ausschließlich zu stillen, um Infektionsrisiken und Wachstumsprobleme zu mindern. Dann schlägt sie vor, Beikost zu füttern und weiterzustillen »bis zum Alter von zwei Jahren oder darüber hinaus«. Nach sechs Monaten verändert sich die Milch nochmals, es gibt einen zusätzlichen Verstärker für das Immunsystem. »Ist das Baby ein halbes Jahr alt, steigt der Gehalt des abwehrfördernden Lysozym noch mal drastisch an«, sagt Rita Weis. Und das ist gut so: »Die Kinder fangen in diesem Alter an, zu krabbeln, alles zu ertasten und in den Mund zu stecken.« Dr. Katherine Dettwyle betont im Artikel »Vorteile des Stillens länger als sechs Monate«, dass Kinder, die länger als 18 bis 24 Monate die Brust bekommen haben, das geringste Risiko hatten, an Magen-Darmkrankheiten, Mittelohrentzündung und bestimmten Krebsarten, die im Kindesalter vorkommen, zu erkranken.
Die Stillzeit ist eine besonders innige Zeit. Wenn Ute Hähnle auf der Geburtsstation der Helios Klinik in Erlenbach nach einem Still-Tipp für Mütter gefragt wird, antwortet sie mit einem wissenden Lächeln: »Sich aufs Kind einlassen und die Zeit genießen, wenn es möglich ist. Einfach genießen, dieses Innigsein mit dem Kind.«
Die Stillzeit ist auch ein guter Anlass, um sich als Mutter gut um sich selbst zu kümmern. Gute Omas schenken Gutscheine für »vier Mal Bad und Küche putzen«. Statt Geschenke fürs Baby können sich Neumütter von Freunden und Familie gekochtes Essen wünschen. »Stillende Mütter müssen beim Essen auf nichts verzichten. Die Mama darf sich gesund ernähren, wie sie es gerne möchte«, betont Weis. Wichtig sei, viel zu trinken. Oxytocin, das Bindungshormon, das beim Stillen ausgeschüttet wird, macht Durst. Pfefferminz- und Salbeitee besser nicht trinken, denn sie reduzieren die Milch. Im Vergleich zu früher, ist es heute normaler, einem Baby die Brust zu geben als vor 40 Jahren. In den 1970er-Jahren wurde wenig voll gestillt, erinnert sich Weis. 24-Stunden-Rooming-in gab es auf den Geburtsstationen nicht. Die Kinder wurden alle vier Stunden zur Mutter gebracht. »Im Vergleich zu damals ist es heute auf der Station viel ruhiger. Die Kinder schreien nicht mehr so viel, weil Mama bei ihnen ist.« Viele Frauen seien damals kaum ins volle Stillen gekommen, erinnert sich Weis. Denn gerade der Anfang ist wichtig. »Ein guter Start ist beim Stillen die beste Basis«, weiß Stillberaterin Tanja Gerodetti. Was dabei helfe: »Ganz viel inniger Körperkontakt zum Baby«. Dann tanzen die Hormone und die Zeit bleibt kurz stehen.