Samstag, 18.11.2017

Jetzt wird’s ernst!

zwei Schulkinder beim berqueren einer Strae
Dienstag, 29.08.2017 - 10:05 Uhr

Wo ist nur un­ser klei­nes Ba­by hin? Das fra­gen sich in Deut­sch­land wie­der un­zäh­l­i­ge El­tern, wenn plötz­lich der Nach­wuchs mit gi­gan­ti­scher Schul­tü­te in ei­nen neu­en Le­bens­ab­schnitt ein­tritt. Die gan­ze Fa­mi­lie fie­bert mit, nichts ist auf­re­gen­der als der ers­te Schul­tag. Ein­schu­lung 2017: Das be­trifft in Bay­ern al­le Kin­der, die bis zum 30. Sep­tem­ber sechs Jah­re alt wer­den.

WACKELZAHNPUBERTÄT
Doch die Kinder heute sind natürlich gut vorbereitet. Das letzte Vorschuljahr wird in den Kindergärten häufig (aber leider oft aus Kapazitätsgründen nicht immer) dazu genutzt, die Kleinen auf die Schule vorzubereiten.
Da wird darauf geschaut, dass die Kinder selbstständiger werden, es wird auch schon mal das Melden in der Klasse geübt und über Sorgen und Ängste gesprochen. Dieses letzte Jahr vor der Einschulung kann für die Kinder zur Qual werden. Sie werden zunehmend hibbeliger, fühlen sich oft unterfordert im Kindergarten - und alle Beteiligten merken zusehends, dass es Zeit ist für eine Veränderung. Ein schöner Begriff wurde für diese Zeit erfunden: die Wackelzahnpubertät. Die Milchzähne wackeln - und die Stimmung der kleinen Vorschüler leider auch. Von extrem freundlich und kooperativ zu einem Wutmonster - das geht in diesen Monaten in wenigen Sekunden. Da hilft nur Geduld und die Zuversicht, dass es bald wieder besser wird. Über die Schulferien baut sich viel Spannung auf - und dann ist er endlich da, der Tag der Einschulung.
WAS WIRKLICH WICHTIG IST
Was ist wichtig an diesem Tag?
Der Ranzen und die Schultüte, das ist klar. Beinhalten sollte der Ranzen am ersten Tag nur das Nötigste, schließlich wird noch nicht wirklich »gebüffelt« - und außerdem ist die Schultüte ja schon schwer genug. Ein gefülltes Federmäppchen, ein Block, eine Mappe für eine eventuell geplante Bastelarbeit, eine auslaufsichere Trinkflasche und ein kleiner Snack dürften für den ersten Tag reichen. Und die Schultüte?
War sie früher ein kleines, süßes Trostpflaster zum Start in den »Ernst des Lebens«, ist sie heute oft übervoll - mit Süßkram und allerlei Geschenken. Was wirklich nützlich ist: ein Freundetagebuch für die Schule, vielleicht eine schöne Armbanduhr oder ein lustiger Radiergummi. Beim Packen natürlich die schweren Sachen nach unten geben, damit nichts zu Bruch geht. Dann ist das Gewicht gut verteilt und die Tüte lässt sich schön tragen.
Inzwischen scheint es längst dazuzugehören, dass die Schultüte selbstgebastelt ist. Mütter und Väter machen sich da teilweise einen Riesenstress und bauen gigantische Thementüten mit vielen Extras. Aber bloß keinen Druck: Kinder freuen sich sicher auch über eine gekaufte Tüte und eine dafür hoffentlich deutlich weniger gestresste Mama …
Bei uns ist es zum Schulanfang längst üblich, dass Großeltern und Verwandte anreisen, ein Essen im Restaurant organisiert wird und ganz viel Trubel herrscht.
WENIGER TRUBEL
Für die Schulkinder selbst kann das viel Zusatzstress bedeuten. Gerade in der Übergangszeit vom Kindergarten- zum Schulkind bröckelt bei ihnen oft das Selbstbewusstsein. Eben waren sie noch die Großen im Kindergarten, sind sie jetzt die Kleinen in der Schule. Das macht Angst. Einem schüchternen, ängstlichen Kind erleichtert man den Eintritt, indem man etwas den Druck rausnimmt, vielleicht nicht so viel für diesen Tag plant und weniger Trubel veranstaltet. Das entspannt auch das Kind. Als Eltern sollte man den Kindern an diesem Tag schützend zur Seite stehen und auch mal Tränen trocknen und trösten. Denn zum Schulbeginn treten bei vielen Kindern auch wieder Trennungsängste auf wie zuvor in der Eingewöhnungsphase im Kindergarten. »Du schaffst das«, sollten wir unseren Kindern also vermitteln - und sie so über sich selbst hinauswachsen lassen.
»DER ERNST DES LEBENS«
Auf jeden Fall unangebracht ist es, schon Wochen vorm Schulbeginn ständig mahnend vom »Ernst des Lebens« zu erzählen oder Horror-Schulgeschichten aus der eigenen Kindheit zum besten zu geben. Das macht alles schwerer als es ist.
Und auch ständige Ermahnungen, wie man sich als Schulkind verhalten soll (»Sitz still«, »Sei leise!«) kann man übertreiben. Man muss dem angehenden Schulkind schon auch zutrauen, diese Regeln selbst zu erfahren und zu lernen. Das Gute: Anders als noch vor vielleicht 20 Jahren ist die Grundschule heute in vielen Dingen spielerischer und lässt die Kinder auch noch Kinder sein. Zu große Panikmache vor dem »Ernst des Lebens« ist also sicherlich fehl am Platz.
BITTE KEINEN FREIZEITSTRESS
Ein wichtiges Thema zum Schulstart ist die Ernährung. Laut einer Studie des Robert-Koch-Institutes geht fast jedes dritte Kind ohne Frühstück in die Schule. Die genannten Gründe dafür: fehlender Appetit, Zeitmangel oder gar mangelndes Geld für Lebensmittel. Inzwischen versorgen immer mehr private Initiativen Grundschulkinder morgens mit Frühstück, zum Beispiel der Verein BrotZeit oder »Die Arche«.
Wer seinen Kindern etwas Gutes tun möchte, der lässt sie mit gesundem Frühstück in den Tag starten. Dazu gehört ein Glas Milch, Müsli, ein lecker belegtes Brot - und Zeit für ein kurzes Gespräch. Es gibt aber auch Frühstück-Spätstarter, die morgens nur schwer etwas runterbringen. Diese macht man vielleicht mit einem Smoothie glücklich - und wenn gar nichts geht eben einfach mit einem Glas Kakao und einer gut gefüllten Lunchbox für die erste Pause. Die Kinder werden ab sofort täglich rund eine Stunde Hausaufgaben machen müssen (siehe auch Seite 7). Das ist für die Kleinen eine ganze schöne Herausforderung. Neues lernen, sich längere Zeit auf etwas konzentrieren - das ist ziemlich kräftezehrend.
Vielleicht ist es in der Übergangszeit deshalb gar nicht so schlecht, die Hobbys der Kinder vorübergehend etwas einzuschränken. Ein voller Terminkalender mit Freizeitaktivitäten und Hausaufgaben kann am Anfang einfach zu viel sein. Lieber mal ein bisschen zur Ruhe kommen und faulenzen - und einfach mal wieder wie zu Kindergartenzeiten mit dem besten Freund spielen. Das ist einfach herrlich entspannend, auch für »große« Schulkinder.