Sonntag, 20.08.2017

Auf Augenhöhe

Vater und Baby
Montag, 27.03.2017 - 14:10 Uhr

Es gibt sie, die­se Ta­ge, an de­nen wir El­tern abends mit dem Ge­fühl ins Bett ge­hen, hun­dert­mal das Glei­che ge­sagt zu ha­ben. »Komm zum Aben­d­es­sen« zum Bei­spiel oder »Zieh Dir die Schu­he aus« oder »Bit­te nicht mit Scho­ko­fin­gern auf die Couch«. An de­nen abends der Mund ganz fuss­lig ist von all den »Neins« und »Lass dass«, von den end­lo­sen, all­täg­li­chen Dis­kus­sio­nen.

Und unsere Kinder? Die haben irgendwie auf Durchzug gestellt. Oder haben sie vielleicht was an den Ohren? Oder warum um alles in der Welt reden sie nicht mit uns - vom auf uns Hören ganz zu schweigen? Kommunizieren mit Kindern ist ein komplexes Thema. Aber es ist elementar wichtig.
Denn wie wir mit unserem Nachwuchs sprechen, kann so viel verändern: die Beziehung zueinander, das Selbstwertgefühl des Kindes - und nicht zuletzt unser eigenes Selbstbild.
KOMMUNIKATION PRÄGT UNS
Eine gute Kommunikation zwischen Eltern und Kind prägt fürs ganze Leben. Das weiß auch Kommunikationstrainerin Sabine Nerl aus Hösbach. Sie ist selbst Mutter zweier erwachsener Kinder, hält Vorträge zum Thema Kommunikation mit Kindern und bietet Elterntrainings an (siehe Kasten). Ein respektvoller, positiver Umgang miteinander ist in ihren Augen das A und O einer funktionierenden Kommunikation zwischen Eltern und Kind. Sie empfiehlt Eltern von kleinen Kindern vor allem eines: eine deutliche, klare Sprache, die wenig Raum lässt für Missverständnisse. Wir Eltern müssen wissen, dass unsere Kinder im Vorschulalter noch wenig mit abstrakten Formulierungen anfangen können. Sätze wie »Sei doch bitte vernünftig« können die Allerkleinsten gar nicht umsetzen.
Denn was bitte ist »Vernunft«? Wie verhält sich ein »vernünftiger Mensch«? Das wissen selbst wir Erwachsenen oft noch nicht. Und daher sollten wir auch nicht erwarten, dass unsere Kinder das wissen. Statt dessen sollten wir ganz klar sagen, was wir von den Kleinen wollen. Nerl nennt das die »Und das bedeutet«-Regel. »Wir putzen jetzt Zähne. Und das bedeutet: Du nimmst die Zahnbürste, schraubst die Zahnpastatube auf - und so weiter.« Schritt für Schritt begleiten wir so unser Kind und bevormunden es dennoch nicht, weil genug Raum bleibt fürs Selbermachen.
Oft hat man als Eltern das Gefühl, die Kinder mit der Sprache nicht erreichen zu können. Dann sollte man überdenken, wie man etwas sagt. Ein im Vorbeigehen gesäuseltes »Räum bitte dein Zimmer auf« geht einfach unter. Kommunikation auf Augenhöhe ist dagegen ein Schlüssel, um ein Kind zu erreichen - mit in die Knie gehen, einer sanften Berührung am Arm und direktem Augenkontakt.
KEINE ANGST VOR EINEM NEIN
Wir Eltern sollten immer mal wieder unsere eigene Sprache überprüfen. Oft werden wir erstaunt feststellen müssen, wie verschwommen wir uns ausdrücken. »Ich hab Dir heute doch schon zehnmal gesagt, du sollst deinen Bruder nicht hauen« ist ein Satz wie Wackelpudding. Unzählige sinnlose Füllwörter und dann auch noch die Formulierung, was wir NICHT wollen. Lieber sollten wir sagen, was wir wollen. Uns zwar einmal, nicht zehnmal. Und eine Konsequenz in den Raum stellen, die wir im Notfall auch durchziehen. »Wenn Du deinen Bruder nochmal haust, gehen wir nach Hause.« Schlicht und einfach.
Bei größeren Kindern im Vorschulalter können wir anfangen, Spielregeln aufzustellen. Und zwar nicht in einer Situation, sondern davor. So lassen sich schwierige »Minenfelder« entschärfen. Zum Beispiel beim Einkaufen. »Wenn du mir beim Einkaufen hilfst, dann darfst Du dir an der Kasse eine Süßigkeit aussuchen« ist eine deutliche »Wenn, dann …«-Regel, die auch schon Kindergartenkinder verstehen. Sabine Nerl beobachtet bei vielen Eltern heute eine Tendenz, zuviel zu reden und zu diskutieren.
Da wird schon mal ein ernährungswissenschaftlicher Vortrag gehalten, der erklären soll, warum es jetzt nicht das zehnte Stück Schokolade gibt. Doch so etwas interessiert Kindergartenkinder einfach nicht die Bohne. Sie wollen Schokolade. Kriegen sie nicht. Sind sauer.
Und wir sollten uns einfach mal das Recht nehmen, Nein zu sagen ohne in die Rechtfertigungsfalle zu tappen. Dieses bewusste »Wortfasten« tut allen Beteiligten gut: Einfach mal weniger sprechen - und darauf vertrauen, das Kinder ab einem gewissen Alter gelernt haben, mit Frustration und einem Nein von Mama und Papa umzugehen. Frustration gehört zum Leben dazu - und es ist nicht unsere Aufgabe als Eltern, dem Kind jeglichen Frust zu ersparen.
ALLE GEFÜHLE SIND ERLAUBT
Die Grundlage aller Kommunikation ist es, authentisch zu sein. Eine säuerlich und zerknirscht dreinblickende Mama, die sagt »Mein Süßer, jetzt hör’ doch bitte auf mit Sand zu schmeißen« sendet uneindeutige Signale. Man darf als Eltern auch mal sauer sein und dies äußern. Am besten in einem sachlichen, klaren Ton ohne Aggression. Nur, wenn man selbst zu seinen Gefühlen steht und diese auch benennt, kann man seinen Kindern dasselbe beibringen.
Zu einer positiven Kommunikation gehört auch, dem anderen zuzuhören. Wir Eltern neigen im Alltag dazu, unsere Kinder oft abzuwürgen. Da kommt ein kleiner Mann voller Begeisterung über ein Ereignis ins Zimmer und quasselt los - und wir fahren ihm über den Mund: »Jetzt nicht! Ich höre dir gleich zu«. Dabei wäre es so einfach, erstmal ein positives Signal zu senden: »Das klingt spannend. Lass mich erst noch dieses Gespräch zu Ende führen, dann höre ich dir zu!« klingt einfach so viel freundlicher.
Eine tolle Technik, mit größeren Kindern ins Gespräch zu kommen und den Austausch in Gang zu bringen ist aktives Zuhören (das ist ein Modell aus der Psychotherapie, zum Beispiel vom US-amerikanischen Psychotherapeuten Carl R. Rogers). Dabei geht es darum, dem Gegenüber zuzuhören, ohne zu urteilen, zu belehren, zu verharmlosen, zu trösten. Der Zuhörer wiederholt dabei das Gehörte mit eigenen Worten, bestätigt es und lässt dem Sprecher die Möglichkeit, eigene Schlüsse und Lösungen zu ziehen.
Je älter Kinder werden, desto intensiver kann man diese Technik anwenden - und wird erstaunliche Gespräche führen.
Ein Baustein von vielen - für mehr Offenheit und Klarheit in der Kommunikation in der Familie.