Samstag, 19.08.2017

Von wegen stille Nacht!

Neugeborenes Baby schläft zufrieden auf Decke
Montag, 27.02.2017 - 15:20 Uhr

Wie sich doch al­les än­dert: Mü­de sein et­wa war, be­vor wir El­tern wur­den, ein Lu­xus­zu­stand, et­was, das ein­t­rat nach ei­ner durch­fei­er­ten Nacht oder wenn wir früh mor­gens mit dem Au­to ir­gend­wo Rich­tung Abenteu­er los­ge­fah­ren sind. Jetzt aber ist es un­ser Grund­zu­stand. Mü­de, mü­de, mü­de. Was Mü­dig­keit wir­k­lich be­deu­tet, wis­sen nur El­tern.

Unglaublich, wie unfassbar schläfrig man sein kann und trotzdem noch durch den Tag wankt, hundert Sachen erledigt und lacht und sich freut, wie so ein Knirps die Welt entdeckt und sich über jeden Grashüpfer wundert.
JEDE STUNDE KURZ WACH
Mit einem Baby zieht die Anarchie zu Hause ein - das ist wunderschön, aber auch erschreckend: Das knuffige Wesen kennt den Unterschied zwischen Tag und Nacht nicht, schläft wann es will und futtert ständig. Oft möchte es nicht abgelegt, sondern die ganze Zeit getragen werden. Manchmal findet man nicht heraus, was ihm fehlt, weil es nicht sprechen kann. Es will partout nicht schlafen, wenn Mama und Papa es wollen. Einem Baby sind Busfahrpläne egal, es interessiert sich nicht für ungeduldige Erwachsene mit To-Do-Listen. Ein Baby lebt im Hier und Jetzt. Wenn es Hunger hat, hat es Hunger. Und es verzweifelt, weil es noch nicht weiß, dass auch später noch Essen da ist. Ein Baby funktioniert nicht - es lebt einfach im Hier und Jetzt.
Kein Thema beschäftigt Eltern so wie der Schlaf des Kindes und der eigene (Nicht-)Schlaf. Die Regale mit Ratgebern zum Thema sind ellenlang. Wäre das so einfach mit dem Durchschlafen, gäbe es diesen Ratgebermarkt nicht. Das Lustige (oder viel mehr Ärgerliche): Die meisten Ratgeber widersprechen sich. Elizabeth Pantley etwa empfiehlt in »Schlafen statt schreien«, das Schlafverhalten des Babys »respektvoll und behutsam« zu verändern, Arna Skula, Schlafexpertin aus Island, dagegen rät zu einer »radikalen« Änderung.
Die ersten Wochen (und sind wir ehrlich), die ersten Monate, ach was, Jahre sind einfach anstrengend. Weil da ein anarchisches Wesen mit eigenen Bedürfnissen ist, dass von nun an unseren Tag bestimmt. Die Schauspielerin Annette Frier hat das so schön auf den Punkt gebracht: »Am Anfang sind alle Mütter Mutanten. Ich wäre für meine Kinder ins Meer gesprungen, aber es war nicht so, dass ich gleich nach der Geburt gesagt hätte: Ja, fertig ist die Mutter. Das hat total gedauert. Und ich hab gedacht: Mit mir stimmt etwas nicht. Weil ich alles so höllisch anstrengend fand.«
»HÖLLISCH ANSTRENGEND«
Ursula Omer, Leiterin der Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen des Sozialdiensts Katholischer Frauen in Aschaffenburg weiß, wie sehr Eltern das Thema Babyschlaf umtreibt. In ihre Beratung kommen Eltern, die erschöpft sind. Nicht umsonst steht neben ihrem Schreibtisch eine Kaffeemaschine. Neben der Einzelberatung bietet Omer auch Vorträge an, die sehr beliebt sind. Omer hat eine Gabe, den turbulenten Babyalltag so ehrlich und fröhlich auf den Punkt zu bringen, dass man sich einfach besser fühlt. Sie ermutigt Eltern, auf ihren Instinkt zu hören und sich keinen Druck zu machen beim Durchschlafen. »Hören Eltern das Wort Durchschlafen, ist ihre Fantasie, dass das Baby abends um sieben Uhr ins Bett geht und morgens um neun aufwacht. Das wird nicht eintreten.« Durchschlafen, so Omer, bedeute »dass das Kind in der Lage ist, eine Mahlzeit auszulassen.« Bei einem Neugeborenen heißt das, es schafft eine Schlafphase von sechs Stunden, wenn man davon ausgeht, dass es alle drei Stunden etwas zu essen braucht. Theoretisch möglich sei das »ab der elften Lebenswoche - dann ist das Kind physiologisch stabil«.
Die Praxis sieht oft anders aus: Die meisten Babys wachen nachts mehrmals auf - das ist normal. Ihr Schlafrhythmus ist anders als der der Eltern. Sie haben kürzere Schlafzyklen und mehr REM-Phasen, aus denen sie leichter wieder aufwachen. Sie versichern sich, dass ihre Bezugsperson in der Nähe ist. Ein unruhiger Schlaf ist laut Carlos González »wichtig für die Gehirnentwicklung«. Schlafforscher beschreiben den aktiven REM-Schlaf als geistiges Training. Aktive Traumphasen sehen sie als wichtige Voraussetzung für die Entwicklung des Gehirns.
Die meisten Babys lieben es, nah bei den Eltern zu schlafen - auf ihrem Bauch, in der Trage und im Familienbett. Letzteres macht es den Eltern leichter. Mama muss nicht aufstehen und wie ein Zombie durch die Wohnung tappern, sondern greift neben sich und beruhigt das Baby und alle können gleich weiterschlafen. Unsere Fixiertheit auf durchschlafende Babys ist auch kulturell bedingt. In Deutschland wird erwartet, dass das Kind mit sechs Monaten im eigenen Bett durchschläft, indische Eltern dagegen finden es völlig normal, wenn ihre Kinder das erst mit fünf tun. Die Erkenntnis indes hilft übermüdeten Eltern wenig.
SCHLAFEN? AM LIEBSTEN AUF MAMA
Eva Solmaz, Autorin des Buchs »Besucherritze« weiß, dass Schlafentzug wie Folter ist. Ihr Sohn wollte immer nur auf Mama, Papa oder angekuschelt an einen warmen Körper einschlafen. Wollte Solmaz den schlafenden Knirps in sein Bett ablegen, wachte er auf und protestierte lautstark. Ihr Buch ist ungeheuer tröstlich für alle, die auch so ein anspruchsvolles Baby (und Augenringe bis zum Boden) haben und die in den ersten Monaten nur damit beschäftigt sind, einigermaßen ihren Alltag auf die Kette zu kriegen. Sie präsentiert keine Lösung, wie Eltern mehr Schlaf bekommen, und trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) fühlt man sich nach der Lektüre besser. Weil sie klar macht, dass es nicht das Versagen der Eltern ist, wenn das Baby mehrfach nachts aufwacht, sondern ganz normal und aus Sicht des Babys sinnvoll. »Mir hat geholfen, mein Kind mit in unser Bett zu nehmen und nach Bedarf zu stillen. Mein Sohn hat dadurch viel ruhiger geschlafen«, sagt die Darmstädter Autorin. Geholfen habe ihr, ihre Haltung zu ändern. »Ich habe mir gesagt: Es ist so wie es ist. Ich mache mich jetzt nicht verrückt. Es wird irgendwann besser. Und es wurde besser.« Humorvoll ist das Buch zudem: An einer Stelle empfiehlt Solmaz einen Selbstversuch nach der Methode des »kontrollierten Schreienlassens«, das Annette Kast-Zahn propagiert. Das ist absurd und lustig, wenn sie Eltern rät: »Gehen sie an einen abgelegenen Ort. Fangen Sie an zu brüllen. Schreien Sie weiter bis Sie schlafen!«
Die Sozialpädagogin, die sich viel mit Mutter-Kind-Bindung beschäftigt hat, rät von Schlaftrainings ab. »Aus Sicht der Bindungsforschung ist das kontraproduktiv und geht auf Kosten der Beziehung zum Kind.« Und mal ehrlich: Den meisten bricht es das Herz, ein Baby schreien zu lassen, damit es lernt alleine zu schlafen. Ursula Omer von der katholischen Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen rät auch davon ab: »Unter sechs Monaten darf man auf gar keinen Fall versuchen das Schlafverhalten des Kindes zu ändern«, betont die 41-Jährige. »Da hat das Kind noch keine stabilen Muster und würde aus purer Verzweiflung weinen, wenn keiner auf es reagiert. Ein Neugeborenes braucht Sicherheit.« Heißt: In dieser Lebenszeit des Babys kann man es gar nicht genug knudeln, schmusen und stillen, um das Urvertrauen zu stärken.
Der Knackpunkt: Mit etwa sechs Monaten beginnt das Kind, Muster zu erkennen. Und beharrt auf den Mustern, da sie ihm Sicherheit geben. Soll heißen: Wird ein Kind immer in den Schlaf gestillt, wird es das lieb gewonnene Ritual einfordern. Gibt ihm der rauschende Föhn Sicherheit, ebenso. »Eltern werden oft zur externen Einschlafhilfe für ihr Kind. Sie wackeln auf dem Pezziball oder das Kind hängt ständig an der Brust. Das wird dann schwieriger, die Gewohnheit zu lösen«, weiß Omer. »Wenn Eltern ein Kind haben, das in den ersten drei Monaten viel Unterstützung brauchte, dann sind sie etwas wund. Sie reagieren dann sehr schnell, wenn es schreit. Sie verpassen dann oft die Chance, dass das Kind seine eigenen Fähigkeiten entdeckt und ausbaut. Dann halten Eltern länger an Unterstützungsritualen beim Einschlafen fest als nötig. Die schleifen sich dann so richtig schön fest.« Omer rät Eltern, dem Kind, wenn es alt genug ist, zuzutrauen, alleine einzuschlafen. Denn wer das alleine kann, kann das auch, wenn er nachts aufwacht. Was dabei helfe: Ein schönes, altersgemäßes Einschlafritual mit viel Zuwendung und ungeteilter Aufmerksamkeit. »Weniger ist hier mehr. Ein Baby braucht keine drei Bilderbuchgeschichten und muss auch nicht jedem Kuscheltier in der Wohnung gute Nacht sagen«, betont Omer. »Nach ganz viel Nähe und Kuscheln, empfehle ich, das Kind wach ins Bett zu legen, ihm ein Schmusetier zu geben und dann ein klares ›Gute Nacht und wir sind da‹. Wenn das Kind das nicht gewohnt ist, wird es protestieren. Dann stellen Eltern Nähe her, in dem sie wieder ins Zimmer gehen und Sicherheit vermitteln.« Klingt einfach, ist es manchmal auch. »Die Bereitschaft, ob das klappt, mache ich an Mama und Papa fest. Wenn die sagen: Ja, mein Kind packt das jetzt! Dann weiß ich, in drei Tagen rufen die an und sagen: Alles cool!«, sagt Omer.
SCHÖNES EINSCHLAFRITUAL
Sie empfiehlt Eltern, authentisch zu sein und auf ihr Bauchgefühl zu hören: »Was das Schlafen angeht, gibt es kein Richtig und kein Falsch. Familien, die klasse alle im Familienbett schlafen, sollen das auf keinen Fall ändern, nur weil die Großeltern das komisch finden. Wenn eine Mutter sagt: Ich stille mein Kind gerne in den Schlaf, ich genieße das, dann ist das absolut ok. Familien machen das so, wie es für sie richtig ist.«
Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis beim Thema Kinderschlaf: Dass Eltern es so machen, wie es für sie passt und dass sie sich nichts aufschwatzen lassen. Jedes Kind ist anders, jede Mama und jeder Papa auch. Manchen hilft das Familienbett, manche lassen das Baby lieber im eigenen Zimmer schlafen.
Vieles klärt sich durch die Zeit. Kinder werden von ganz alleine selbstständig, wenn sie soweit sind. Ein Grashalm wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht. Oft zermürbt das Thema Schlaf die Eltern, und sie entscheiden sich, noch etwas länger im Familienbett zu schlummern. Weil es bequemer ist und sie erschöpft genug sind.
Was hilft? Die Großeltern einspannen und es sich schön zu machen, damit man seine Batterien aufladen kann. Denn das Thema Schlaf ist für Eltern ein beständiger Begleiter. Es wird immer wieder Phasen geben, in denen die Kinder nicht schlafen wie ein Stein. Manche schlafen erst mit drei oder vier durch. Manche schlummern wie Murmeltiere und wenn sie sauber werden, sind sie plötzlich oft wach. Oder schrecken nachts hoch, weil sie geträumt haben, unter dem Bett liege ein Löwe. Manche wetzen mit fünf auf einmal wieder um 4 Uhr ins Elternbett. Nächtliches Aufwachen in jedem Alter ist völlig normal und nicht besorgniserregend. Es ist für Eltern einfach nur sehr, sehr anstrengend.